re:publia 2010 – Schee war’s!

Vier Stunden Wartezeit am Berliner Hauptbahnhof (freiwillig, dafür aber mit den größten Ausgaben für Printpresseerzeugnisse seit langem) und viereinhalb Stunden Vulkanasche-freie Bahnfahrt später konnte ich Samstagabend die Tür hinter mir zuziehen. Was das faktische Ende meiner fünftägigen Reise nach Berlin und zurück bedeutete, ist nicht das Ende meiner Überlegungen zu den letzten Tagen auf der re:publica 2010. Dafür gab es zu viele hochinteressante wie die Erwartungen nicht ganz erfüllende Vorträge.

Mein Start in die Veranstaltung war freilich ein ganz amüsanter, da ich keine zehn Sekunden nach meinem Check-In im Friedrichstadtpalast nicht nur beinahe Jörg Tauss über den Haufen gerannt habe, sondern gleich ein mir bekanntes Darmstädter Gesicht antraf. Die Ironie, dass ich dafür bis nach Berlin reisen muss, soll mir erst einmal einer absprechen…

Erstes Highlight der drei Konferenztage war der Vortrag von Jeff Jarvis, der sich auf (US-Rednern immer eigene) überaus charmanter Art und Weise dem „German Paradox“ näherte. So haben wir Angst um unsere Daten und Identität im Web, präsentieren der Öffentlichkeit beim zu lauten Plausch im Café, mit Bier in der Disco oder aber (und dieses Beispiel fand ich trotz der mantra-gleichen Wiederholung durch Jarvis grandios) in der Sauna ohne mit der Wimper zu zucken unsere intimsten Intimitäten. Der Untertitel „Privacy, publicness and penises“ traf somit also vollends zu. Eine Änderung des Blickwinkels sei nötig, um uns dieses Paradox‘ zu entledigen, denn schlussendlich müsse mittlerweile wohl nicht mehr die Privatheit, sondern das Öffentlichmachen geschützt werden. Die Möglichkeit, dass jeder alles über sich ins Web stellen darf, gilt es zu bewahren, statt allem einen Riegel vorzuschieben und damit (Web-)Rechte zu beschneiden.

Das „Kleine Rechts-ABC“ von Udo Vetter war eine meiner Meinung nach überraschend stark bis überfüllt besuchte Session (was für die Relevanz der Thematik an sich spricht), brachte mir nach drei studienbedingten Vorlesungsreihen Medienrecht aber keine neuen Erkenntnisse. Als Auffrischung hat es allerdings dennoch nicht schaden können.

Ebenfalls höchst interessant, mit 30 Minuten Spielraum aber leider viel zu kurz, war der Vortrag von Peter Kruse, der sich durch geschickte Eigenvermarktung mittlerweile zu einem der Lieblingstheoretiker und -forscher der Webgemeinde entwickelt hat. Anhand von knapp 200 ausgewerteten Heavy User-Profilen kristallisierte er zwei Gruppen von Webnutzern heraus, die Digital Residents sowie die Digital Visitors, die das Netz aus zwei völlig verschiedenen Sichtweisen betrachten, dennoch aber eine Vielzahl von Werten teilen, die man für eine gewinnbringende Diskussion über die Pros, Contras und Zukunft des Internets verstehen muss.
Und by the way: ganz gleich was die abgefahrene Analysesoftware, die Kruse zur Verdeutlichung seiner Ergebnisse verwendet hat, kostet, sowas muss ich unbedingt einmal ausprobieren!

Den Abschluss des Mittwochs stellte das „Upgrading Political Journalism„-Panel eines meiner Dozenten, Prof. Dr. Lorenz-Meyer, dar, der sich eine stärkere Nutzung und Vernetzung des politischen Journalismus‘ in Deutschland wünscht. In der Kurzerklärung etwa eine Kombination aus Perlentaucher und Rivva, sprich einem redaktionellem Team mit Blick für die Trüffel, aber auch einem Ohr für das Gesprächsgewirr in der Blogosphäre, um die heißen Themen aufgreifen und eingliedern zu können. Was genau der meint, erklärt er sehr gut im Interview mit dctp.tv.

Im Vergleich zu Jarvis nicht minder beeindruckend war am Donnerstag der Vortrag von Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt, der die Bedeutung eines unabhängigen, unerschrockenen Mediums wie Wikileaks zur Versorgung der Öffentlichkeit mit Informationen, die eigentlich nie das Tageslicht erblicken solten, ist. Bestes Beispiel ist das kürzlich veröffentlichte Video Collateral Murder.
Dass es überhaupt solcher Distributionsmedien wie Wikileaks bedarf, sei unter anderem den aktuellen Strukturen im Journalismus geschuldet, in denen man augenscheinlich nicht zu sehr aufmucken kann und darf, ohne jemandem auf die Füße zu steigen, der in der Nahrungskette weiter oben stehe. Und so gelangt man über anonyme Quellen und Helfer an eben jenes brisante Material, dass andere zu veröffentlichen nicht bereit seien, obwohl es ihnen vorläge. Und so brachte Schmitt Wikileaks auch als Helfer der journalistischen Berichterstattung und nicht als unmittelbaren Konkurrenten ins Spiel. Die Hoffnung, dass Journalisten ihre Informationen bereitwillig mit anderen teilen, um sie jedem für eine erfolgreiche, dem Leser dienlichen Aufbereitung von Themen nutzbar zu machen, hält sich bei mir in Grenzen. Informationshoheit und der Druck immer und überall als Erster mit einer heißen Info/News aufwarten zu können ist (noch) zu groß, als das kooperativ gedacht wird.

Ein klein wenig enttäuscht war ich hingegen von den Panels „Deutsches Fußball-Bloggen im Jahr der WM“ sowie „Slow Media, Fast Media, No Media„, die meinen Erwartungen beide nicht Stand halten konnten. Während es beim Fußball-Bloggen meinem Geschmack nach zu oft in theoretische bzw. juristische Fallstricke ausartete (Bildquellen, Videoeinbindungen ja oder nein, etc.), konnte ich mich mit dem Gedanken einer universell richtigen Anwendungsweise von Social Media nicht anfreunden. Es gibt keinen Königsweg. Daran können weder der Always on-Zustand noch ein Medienzölibat etwas ändern…

Lichtblick des letzten Tages war der Vortrag von Miriam Meckel, die in „This object cannot be liked“ einige sehr interessante Gedanken und Überlegungen präsentierte. Vielleicht lag es an dem mittlerweile mangelnden Stunden Schlaf der letzten Nächte, aber zeitweise fiel es mir leider doch etwas schwer permanent am Ball zu bleiben, während Meckel charmant (aber auch recht flott) über digitale Geburtstagstorten bei Facebook und Buchempfehlungen bei Amazon die Ermessensgrenzen des Menschen im Digitalen wie Realen zu erläutern suchte.

Das eigentliche Highlight der re:publica waren allerdings nicht die Vorträge, sondern die Menschen, die sich dort tummelten und die ich endlich, endlich, endlich einmal in natura kennen lernen konnte. So traf nicht nur Christine Kinze von der Profilwerkstatt direkt nach dem Check-In dort an, sondern auch Marie-Christine Schindler (@mcschindler), die für ein paar Panels an meiner Seite durch die Lokalitäten zog – natürlich immer vom regen Austausch über die uns so naheliegenden Themen begleitet. Mit dem Treffen von Christian de Vries (@prcdv) und Alexander Klarmann (@alex_mammut) wurde unsere Runde noch größer, ehe sich auch Tapio Liller (@tapioliller), der tags zuvor noch das PR2.0-Forum in Düsseldorf moderiert hat, noch dazugesellte und wir gemeinsam den Worten Peter Kruses lauschten.
Was mir wieder einmal auffiel: So sehr ich den regelmäßigen digitalen Diskurs genieße, es ist einfach immer wieder unglaublich erquickend, sich mit anderen direkt austauschen zu können. Schade, dass dafür so selten die Gelegenheit da ist.

Die Treffen mit Marcel Gluschak (@wwf_jugend) vom WWF Deutschland oder auch meiner ehemaligen Kommilitonin Tanja Morschhäuser (@cassiopeia) am Donnerstag waren des Weiteren wunderbare Gelegenheiten, um mich mit ihnen über die aktuellen Stände ihrer Projekte austauschen zu können.

Besonders anregend empfand ich im Übrigen die Zusammenkünfte mit Johannes Lenz (@johanneslenz) und einen Tag später mit Matthias Fromm (@matthiasfromm). Beide warten mit einer direkten, offenen Art auf und haben meiner Meinung nach auch eine sehr straighte Beobachtungsgabe, wenn es um das Erfassen von größeren wie kleineren Zusammenhängen geht, so dass ich mich schon jetzt auf die nächsten Treffen freue.

Euch allen ein großes Dankeschön für drei sehr interessante, abwechslungsreiche, kurzweilige Tage!

Zum Schluss dieses (zu lang geratenen) Rückblickes möchte ich mich bei den Organisatoren und Helfern bedanken, die allesamt einen wirklich fantastischen Job erledigt haben, die selbst die WLAN-Probleme vergessen lassen! Nächstes Jahr bin ich wieder dabei – ganz gleich welches Programm aufgetischt werden sollte.

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