Die Exoten sind wir

Jedes Mal, wenn ich für ein paar Tage meine Eltern und Freunde in meiner Heimat besuche, wird mir mehr und mehr bewusst, wie anders ich doch bin. Und mit „ich“ meine ich im übertragenen Sinne durchaus „wir“, uns junge PR-, Social Web- und Kommunikationsmenschen, die sich im Netz als Digital Residents zu Hause und wohl fühlen. Ja gar nur schwer ohne können, weil wir sonst dem Gefühl erliegen etwas verpassen zu können.

So ging es mir zumindest jüngst, als ich nach vier, fünf (weitestgehend) Twitter-und webfreien Tagen wieder meinen üblichen Nachrichten- und Informationsinput bekam. Doch die Anzeichen, dass ich mit meinem „Web-Spleen“ teils so sehr aus der Reihe tanze wie ein Syrtaki-Freund auf dem Karneval in Rio, werden immer mehr.

Ein Beispiel aus meinem engsten nativen Freundeskreis, der nichts mit meinem Studium und erst recht so gar nichts mit den immer wiederkehrenden Wachstumszahlen von Facebook und Co. zu tun hat: Während drei meiner sieben besten Freunde in der Heimat (alle zwischen 22 und 26) Smartphone-Nutzer auf beinahe-Crackberry-Niveau sind, sind die übrigen vier nicht auf Facebook vertreten, weil ihnen a) die Zeit dazu fehlt sich online „rumzudrücken“ (online sind sie durchaus, nur nicht in Social Media) und b) ihnen das Angebot nach Sichtung bei Freunden und mir zu hektisch und unübersichtlich ist. Die Überzeugungsarbeit sowie das Aufzeigen von Chancen etc. habe ich schon längst eingestellt. Sie sind ihrer eigenen Aussage nach einfach nicht so weit. Ihre gerade so vorhandenen statischen StudiVZ-Profile (die sie teils auch erst vor einem Jahr eingerichtet haben) reichen ihnen völlig zur Online-Kommunikation aus, der Rest passiert ganz klassisch per SMS/Telefonat, E-Mail oder mit viel Glück auch einmal per ICQ. Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt.

Vor knapp zehn Tagen habe ich mich mit David Phlippe, Martin Hoefelmann und anderen PR-Studierenden abends im Rahmen des A&B One Camps in Frankfurt a.M. getroffen (zum einen, um sie endlich in natura kennenlernen zu können, und zum anderen, um ein wenig über Dies und Das schnacken zu können). Und wie wir so als Kleingruppe von acht, neun Leuten in der Hotellobby quasi-barcampen, erklärt David, dass er seine Freunde und Bekannten zur Kommunikation nur noch auf Twitter, Facebook und Skype verweise, da ICQ für ihn ausgedient habe bzw. er es kaum mehr nutzt. Der Witz daran: bei meinen Kommilitonen sehe ich eine komplett gegensätzliche Entwicklung, da die webaffinen Dauerzielgruppen innerhalb meines Umfeldes allein aufgrund der hohen emotionalen Bindung an ihre ersten trendy Webapplikationen nicht wirklich bereit sind etwas anderes nutzen zu wollen. Die Erinnerung an lange Nächte vor dem Bildschirm mit endlosen Nachrichtensessions sind zu schön, als dass sie gegen VoIP oder Facebook-Chats ausgetauscht werden würden. Instant Messaging ist, wie mir scheint, nicht einmal ansatzweise so tot, wie es immer wieder heißt.

Noch ein Beispiel: Vor knapp vier Monaten versuchten mein Kommilitone Martin Hoffmann und ich eine Freundin, die so gar nichts mit dem Social Web am Hut hat, darüber aufzuklären, worin die Begeisterung in Services wie Foursquare, Qype, Twitter und Konsorten begründet liegt. Nach einer Stunde des Erklärens waren wir so weit wie zu Beginn der Diskussion. All die Vorteile und Optionen, die wir aufzählten, versandeten in ihrer einen Frage, ob das denn wirklich alles online passieren müsse, wenn sie schon den ganzen Tag von berufswegen bereits am Rechner verbringt. Muss es natürlich nicht. Dann heißt es aber auch Informationsaustausch mit Freunden, die gerade zum Gespräch zur Verfügung stehen, und nicht mit dem kompletten Netzwerk …

Doch nicht nur ich erlebe diese Anekdoten immer wieder. Ein weiterer Kommilitone hat mit Beginn der Diplomarbeitsphase Social Media für sich und sein Special Interest-Feld Videospiele entdeckt. Wie er davor ohne up to date bleiben konnte, ist ihm heute beinahe schleierhaft. Ebenso hat sich sein Blick auf die von ihm sonst so gern gelesenen Printprodukte dieser Sparte gewandelt. Kein Wunder, hat er die Infos, die er nun auf Papier serviert bekommt, doch nun Wochen im Voraus im Netz konsumiert – und das dabei auch viel ausführlicher, mit sinnigeren Argumentationen untermauert und durch multimediale Inhalte ergänzt.

Manchmal erschrecke ich dann ein klein wenig, wenn ich mir diese ganzen Fragmente so vor Augen führe und zusammensetze, wie sie dann ein Bild meines vermeintlich rückständigen Freundes- und Bekanntenkreises ergeben. Dabei ist das Problem, wenn man es so nennen mag, ein ganz anderes, eigenes: Ich (also wir) sprinte aufgrund meines Studiums/Jobs und meiner Interessen förmlich durch die Möglichkeiten des Webs, während mein Umfeld, welches sich nicht mit eben jener oder ähnlicher Thematik befasst, noch mit dem sicheren, aufrechten Gang und Nicht-Umfallen beschäftigt ist. Dabei sind sie die Basis, die das Tempo der Adaption vorgeben.

Ja, diese Besuche zu Hause sind meine Erdung, um nicht zu offensichtlich den Kopf in die Wolken zu stecken, in meinem online-lastigen Kreis des Studiums abzuheben und über das Web 3.0 nachzudenken, noch ehe die 2.0 überhaupt in der breiten Masse angekommen und – ganz wichtig – ob ihrer Möglichkeiten verstanden ist. Und so stelle ich jedes Mal aufs Neue fest: Die Exoten, das sind wir.

12 Kommentare

  1. Wahre Worte, die ich hundertprozentig unterschreiben kann. Leider. Irgendwie.

  2. Großartig, genau so sieht’s aus.

    Ihr Online-Journalisten habt zumindest noch ein paar Gleichgesinnte um euch – aber versuch mal, in anderen Branchen (meine ist das Sportmanagement) mit besagten Themen zu kommen. Da ist der Exot schon Alien.

    Ich bleib für’s erste Überzeugungsarbeiter😉

  3. @42neun5 Oha, ja, da hast du tatsächlich einen durchaus noch schwereren Stand. Von daher auf jeden Fall ein klares Daumenhoch für deine Überzeugungsarbeit😉

    Nichts desto trotz ist es ab und an selbst innerhalb unserer Kreise interessant zu sehen, dass sich auch hier noch Brüche und deutliche Unterschiede abzeichnen, die für weitere Nuancen unter den Gleichgesinnten sorgen. Da gibt es von den Theoretikern über die Praktiker bis hin zu den extreme heavy usern alle Varianten …

  4. Guter Beitrag bei dem ich auch zu 100% bei dir bin. Ich gelte bei mir im Studiengang (Kommunikationsmanagement) auch noch als Exot mit meinem „ständigen Social Media“. Als ich dann auch noch ankündigte, mich eher bei Twitter/Facebook oder wenigstens Skype anzuschreiben oder im Notfall per SMS, als es mit dem guten alten ICQ zu versuchen, erntete ich nicht gerade Beifall😉

    Ich habe glücklicherweise gute Freunde und einen mehr als skeptischen Bruder, die mich alle immer wieder auf den Boden der Tatsachen holen, wenn ich zu sehr ins Web 2.0 abdrifte.

    Dennoch versuche ich weiterhin meine Mitstudenten dazu zu bringen, sich wenigstens mit Social Media auseinanderzusetzen.😉

  5. Wahnsinn, genau so geht es mir auch immer, wenn ich mich mit meinen „Schulfreunden“ treffe. Und die wohnen nicht im hessischen Outback, wie ich Hersfeld gern nenne, sind teilweise sogar auf F*acebook (ich nicht, weil ichs doof finde) und können mit Twitter trotzdem nix anfangen. Manchmal denk ich dann, dass wir erst im Web1.5 stecken und das mit dem Web2.0 zu schnell ging.😉

  6. Jan Stockmann · · Antworten

    Bekanntes Gefühl. Guter Beitrag.

  7. Tristan Mandel · · Antworten

    Schöner Beitrag! Ich hoffe, diese beiden Welten „online“ und „offline“ treffen schon in naher Zukunft aufeinander und können sich ergänzen.

    Ich denke, es ist nicht „richtig“ den ganzen Tag nur in der virtuellen Welt unterwegs zu sein aber ich finde es genauso wenig „richtig“ sich dort überhaupt nicht rumztreiben.

    Es besteht auf jeden Fall sehr viel Potenzial, diese Welten miteinander zu verknüpfen und für jeden die optimale Mische zu finden.

    Ich denke, wir als „Profis“, „Nerds“ oder „heavy user“ sollten dazu beitragen, dass dies auch geschieht – in angemessener Zukunft😉

  8. Auch meinen Segen hast Du hierzu, Daniel! :- Für SocialMedia muß ich mir gänzlich neue „Gesprächspartner“ suchen, da der Bekanntenkreis, unabhängig des Alters, max. für SMS oder Mail zu haben ist. Auf Xing oder LinkedIN sind zwar einige präsent, bei der Präsenz bleibt es allerdings auch! :-

  9. Nach dem ich gestern zu Hause mal wieder was erzählt habe, hat sich mein Vater bei Facebook und Twitter angemeldet. Foursquare fand er interessant, aber im ländlichen Weserbergland noch nicht so alltagstauglich😉

  10. Mir scheint, ich habe da nicht nur einen wunden Nerv getroffen, was die Bekanntheit der Situation angeht😉

    @David: Wie exotisch man im Allgemeinen mit einem Faible für Social Media ist, hatten wir ja bereits anderweitig diskutiert, aber dass du nach wie vor in einem kommunikationsorientierten Studiengang eine Außenseiterrolle inne hast, verwundert mich immer noch. Klar, nicht jeder muss auf den Zug aufspringen, allerdings sollte jeder eine Ahnung davon haben, wohin dieser denn fährt und die Reise somit geht. Ergo kann ich deinen missionarischen Einsatz nur begrüßen und unterstütze dich bei Gelegenheit gerne dabei🙂

    @Tine: wie gesagt, während wir durch Web 1.0 und 2.0 schnurstracks auf die 3.0 zujagen, stehen andere noch kurz vor der Wahl zwischen Tor Nr. 2 und der Fragezeichen-Box (Zonk inklusive). Und hessisches Outback klingt gar nicht so übel ^^

    @Tristan: Ich hoffe es auch. Wirklich. Sehr sogar. Potential und Möglichkeiten zur Verschmelzung/-netzung sind definitiv vorhanden! Der schmale Grat liegt jedoch in der Vermittlung dieser Optionen, da das eigene Umfeld aus meiner Erfahrung heraus selten einen tieferen Sinn verfolgt, als sich mit seinen (fast immer und auf jeder Plattform gleichen) Freunden verbinden zu wollen. Wir sind da als Enabler/Vermittler/whatever auf jeden Fall gefragt, aber die mehr als individuellen Ziele zu ermitteln, werden wie oben beschrieben entweder durch ein „muss das sein?“ oder ein „und was bringt mir das?“ arg torpediert, wenn kein höheres Ziel (Austausch mit anderen Leuten, die nicht explizit zum engsten Netzwerk/Freundeskreis gehören usw.) das eigene Interesse wecken kann.

    @Birgit: Immerhin sind sie präsent! Zuweilen kann man ja selbst über diesen einen, ersten Schritt mehr als froh sein😉

    @Martin: Lucky you. Meinen Eltern die Mechanismen hinter Facebook und Co. erklären zu wollen ist stark tagesformabhängig und stösst mal mehr, mal weniger auf offene Ohren. Ein Grundinteresse am Web ist durchaus da, aber die Sphären, in denen ich teils rumschwirre, sind dann teils doch zu abgehoben für sie – eine Anmeldung für ein Netzwerk außer WKW für meine Mutter habe ich bisweilen noch nicht geschafft.
    Und nebenbei: Foursquare wäre selbst in meiner nordosthessischen Heimat (aka hessisches Outback, wie Tine so schön sagte) wohl eher eine Solobeschäftigung für mich😀

  11. […] ist es ab einem gewissen Punkt gewohnt skeptische Blicke/Kommentare zu ernten, wenn man seinen (aus unserer exotischen Sicht) „un-webzwonulligen“ Freunden derlei Anwendungen näher bringen möchte. Schließlich […]

  12. […] Ich hatte mich bereits in einem Beitrag damit befasst, Michael macht gerade seine ersten Erfahrungen im Social Web und auch in anderen Gegenden bemerkt man, dass Nachholbedarf in der Hochschullehre besteht. Natürlich liegt es nicht nur an den Dozenten, auch viele Kommilitonen sind noch gar nicht so weit, dass sie erkannt haben, wie wichtig Social Media in der Kommunikation geworden sind. Die Erfahrung hat auch Daniel Rehn gemacht und  einen interessanten Beitrag dazu verfasst. […]

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