Experte? Berater? Ich? Hört doch auf mit dem Mist …

Noch so eine Sache, die mich just in diesem Moment auf der Rückfahrt von Berlin beschäftigt. Viele sehen in mir und dem was ich tue tatsächlich einen Experten in Sachen Social Media und Kommunikation, was ich nach wie vor nicht immer ganz verstehen kann.

Ich meine, klar, ich stecke bis über beide Ohren ganz tief in diesem weitläufigen Thema drin und tausche mich regelmäßig mit allen möglichen Menschen aus den verschiedensten Bereichen darüber aus, aber ein Experte? Ich? Ich weiß nicht so recht …

Gemäß Definition wäre ich wohl einer, aber ich fühle mich nicht als solcher. Ich habe mein Hobby nach dem Studium zum Beruf gemacht. Ich liebe was ich tue, bin deswegen aber kein Amateur mehr, sondern doch eher ein Professionist oder auch Profi, verdiene ich doch meinen Lebensunterhalt damit und bringe die eine oder andere formale (Grundaus-)Bildung mit. Mehr aber auch nicht.

Aber ich tue mich ja im Allgemeinen sehr schwer damit mich in diese Kategorien einordnen oder mit Titeln schmücken zu lassen. Es behagt mir einfach nicht, da es mich in eine Wissens(stand)schublade steckt, in die ich vielleicht gar nicht rein möchte, weil ich noch so unendlich viele andere Sachen in der Pipeline habe. Und das führt mich auch zu einem anderen Thema, das mir immer mehr gegen den Strich geht. Ich meine diese unsinnige Debatte in unseren hiesigen Kommunikationskreisen, ob man sich Berater nennen darf oder nicht, ohne gleich mit Teer und Federn versehen zu werden. In Berlin wurde die Diskussion ein ums andere Mal angeschnitten oder im Scherz aufgegriffen, ohne sich weiterführend damit auseinanderzusetzen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, umso bescheuerter finde ich das Krakele um die einzig wahre Berufsbezeichnung, das mich an das „Wer hat die cooleren Spielsachen?“-Gebaren auf dem Schulhof früher erinnert.

Ja verdammt, ich gebe Leuten Ratschläge und Tipps, wenn sie mit einer Frage oder einem Problem zu mir kommen, unterscheide dabei aber nicht in der Qualität meiner Hilfestellung, ob ich einem Freund einen Gefallen tue oder von einem Unternehmen, das mein Kunde ist, dafür Geld erhalte. Wenn ich Scheiße baue, dann habe ich als Person Daniel Rehn mit meinem gesammelten Wissen, meiner (Lebens-)Erfahrung und Einschätzung der Situation daneben gelegen und nicht ich als Berufsgruppenzugehöriger (obgleich die Berufsbezeichnung „Berater“ ohnehin ebenso wenig geschützt ist wie „Journalist“). Umgekehrt sagt doch auch niemand „Der Berater Daniel Rehn hat einen seiner Profession und Berufsstand entsprechenden guten Job gemacht … und menschlich ist der auch voll dufte“, wenn man um Himmels Willen erwartet, dass ich meine Arbeit richtig mache.

Ich habe schon vor meinem Studium damit angefangen mich mit den verschiedensten Themen auseinanderzusetzen. Medien und Internet waren eben eines davon, was sich während meiner Zeit in Darmstadt und Dieburg einfach weiterentwickelt hat. Nicht mehr, nicht weniger.

Gleiches gilt für meine Motivation zu helfen. Es gibt nur Weniges, was mir noch mehr Unbehagen bereitet, als jemandem, dem ich wirklich helfen könnte, nicht unter die Arme zu greifen. Erst recht, wenn ich darum gebeten werde. Vielleicht habe ich auch einfach nur einen Samariterkomplex und hoffe insgeheim die Welt [(der Online-)Kommunikation] mit meinem Handeln ein bisschen besser zu machen, aber dafür bin ich zu sehr davon überzeugt, dass mein Tun nur ein Tropfen auf dem (falschen) heißen Stein ist.

Manchmal glaube ich, dass wir alle in puncto verbesserte Online-Kommunikation schon sehr viel weiter sein könnten, wenn wir uns diese unnötigen Grabenkämpfe um Berufsbezeichnungen, das Bashing von schwarzen Schafen (die wird es immer geben) und den ganzen anderen Mist sparen würden. Einfach mal auf die Aufgabe konzentrieren, die Störfeuer ersticken und den Job erledigen. Fertig. Wenn das bei uns allen klappt und wir unser Fachwissen nicht nur ganz supidupi angewandt, sondern auch vermittelt haben, dann sind wir wirklich erfolgreich. Und dann habe ich vielleicht auch kein Problem mehr damit mir über Bezeichnungen Gedanken machen zu müssen …

6 Kommentare

  1. Hallo Daniel, erst einmal hoffe ich, dass du gut wieder zu hause angekommen bist!🙂
    Zu der Problematik, die du hier ansprichst: Genau das gleiche Problem erlebe ich auch immer wieder. Ich scheue auch davor zurück mich als „Experte“ zu bezeichnen, weil mir für einen echten Experten schlicht noch viel zu viel Wissen und Erfahrung fehlt. Es geht ja nicht nur darum, zu wissen, wie dieses Social Web funktioniert und auch Kommunikationstechnisch bescheid zu wissen. Ein Experte muss auch wissen, wie die Strukturen in Unternehmen aussehen und funktionieren und welche Auswirkungen das alles auf die Kommunikation hat. Er muss das Gesamtbild erfassen und dabei die Details nicht aus den Augen verlieren. Jemand der das macht, ist für mich ein Experte. Naja, in einer sehr groben, kurzen Definition.

    Ob man sich nun selbst Berater nennt oder nicht, ist mir aber ehrlich gesagt egal. Es kommt doch auf die Dienstleistung an, die derjenige abliefert (Ob nun unter dem Namen „Beratung“ oder etwas anderem). Da ist es im Social Web nicht anders als in der klassischen PR oder im Journalismus oder in allen anderen Berufsfeldern: Es gibt immer solche und solche.

    Es werden sich die guten durchsetzen, denke ich. Vor allem wenn wir aufhören über die „schlechten“ zu meckern. Don’t feed the Trolls! Das gilt auch offline. Einfach bessere Arbeit machen und durch Qualität überzeugen. Da fällt mir auch schon wieder der Vortrag von Gunter Dueck von der re:publica ein. Einfaches „Wissen“ wird bald nicht mehr ausreichen, es geht darum, dass wir unser Metier beherrschen, in dem wir die Dinge „können“. Also eigne ich mir weiterhin Wissen an und wende es an, in der Hoffnung mir so das nötige Können zuzulegen.🙂

  2. Halte es doch einfach mit Tim Pritlove und nenne dich professioneller Amateur. Und was die Titel angeht, so sind sie mir persönlich auch nicht wichtig, wohl aber notwendig für das personal Branding und Marketing. Bleib doch einfach hilfsbereit, neugierig und aufgeschlossen. Biete den Menschen das, was sie suchen: Beratung, Coaching. Entlastung, Klagenauer. Tu das, was du tust engagiert und dann kommts in Summe gut – egal welches Label grad dran hängt.

  3. Hey Daniel,
    du musst dich doch nicht wehren gegen so etwas. Wenn dich andere so bezeichnen ist das eben eine Anerkennung deiner Arbeit. Das bedeutet aber nicht, dass du dich selbst mit etwas betiteln musst, womit du dich nicht wohl fühlst. Ich gebe Marie Recht wenn sie sagt, dass es für das Personal Branding gewissermaßen notwendig ist eine gute Bezeichnung zu finden. Suche dir etwas aus mit dem sowohl du als auch dein Gegenüber leben kann und forciere diesen Begriff online und offline. Dann färbt das oftmals auch ab.
    Zu deinem zweiten Punkt kann ich auch nur sagen, dass ich diese Diskussion um die „korrekte“ Begriffsbezeichnung von Anfang an lächerlich finde. Nur weil sich schwarze Schafe auf 1-2 Begriffe stürzen und einen schlechten Ruf generieren kann es auf Dauer keine Lösung sein, diese Begriffe zu umgehen. Entweder man leistet seriöse Aufklärungsarbeit oder man gewinnt diese Begriffe zurück. Ignoranz und brancheninternes Belächeln hilft hier in meinen Augen nicht weiter.

  4. Daniel, dazu hab ich mich ja auch schon ein paar Mal geäußert. Eine unsägliche Online-Begleitscheinung (us-amerikansicher prägung) dieser Experte (SEO-Experte, Social Media Experte). Noch nie gab es so viele „Gurus“ uns „Experten“. Dabei ist es doch gerade die hohe Kunst des PR Managers, ein Allrounder zu sein und kein Experte. Er muss sich in alle Stakeholder eines Unternehmens oder einer Institution versetzen können und das kann jeder: Aber eben KEIN Experte.

    Aber wie kriegen wir das jetzt in die (sozialen) Medien? Ich stell mir gerade ein Video vor mit ausgesuchten Persönlichkeiten, die alle nur einen Satz sagen: „Ich bin kein Experte“
    🙂

  5. […] nicht so ganz, warum dem so ist. Ich bin kein Experte (zumindest sehe ich mich nicht als solchen, aber das Thema hatte ich ja schon einmal angeschnitten), werde aber wie einer behandelt oder geführt. So gut kann meine vermeintliche Reputation ja gar […]

  6. […] Ich bin kein Fachmann und bei meiner Abneigung gegenüber der Tatsache auch nur für irgendwas als Experte bezeichnet zu werden (ich habe viel Expertise durch ständiges Ausprobieren, Gucken, Fragen und Dazulernen, ja, aber […]

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