Warum das alles? – Auf der Suche nach dem Sinn

Darf man mit 25 eine (erste) Sinnkrise haben? Betrachtet man das Leben, mein Leben, rational, so müsste die Antwort eigentlich „nein“ lauten. Ich bin gesund, habe ein Dach über dem Kopf und muss mir auch sonst keinerlei Sorgen machen, die über die Wehklagen einer modernen Gesellschaft hinausgehen. Dennoch bin ich in letzter Zeit mehr als sonst am überlegen, was hier eigentlich vor sich geht. Denn ganz ehrlich: Was ist im Bezug auf das Leben schon rational zu betrachten?

Seit meiner Rückfahrt von der re:publica Mitte April gab es immer wieder Anlässe, die in mir Ideen, Visionen und Gedanken, aber auch große Zweifel über den Sinn dessen bescherten, was im Grunde geschieht. Die gestrige TEDx war der letzte Moment in dieser langen Reihe. Viele Auslöser dafür lassen sich auch im Privaten finden, da sie eigentlich die gesunde (?) Relation zu dem darstellen, was ich den restlichen Tag über so mache und gerne auch einmal meine „kommunikative Berufung“ nenne. Aber wenn man die ganze technische Komponente wegnimmt, was bleibt dann eigentlich noch? Schlussendlich geht es immer um Menschen, höre und sage ich immer wieder. Allerdings vermischt sich diese Erkenntnis ebenso sehr immer häufiger mit der Erfahrung, dass diese in vielen Fällen nicht ohne einander, noch häufiger aber nicht miteinander und erst recht nicht allein sein können. Auf der gestrigen TEDx versuchte Peter Plantec zu erklären, dass er zwar an eine harmonische Kommunikation und Beziehung zwischen Menschen und Maschinen glaube, aber genauso gut wisse, dass es nie funktionieren könne, da wir Menschen nur mit Menschen auskommen könnten. Und ich fragte mich: Ist das so?

Seit ich meinen Lebensmittelpunkt nach München verlagert habe, bin ich vielen begegnet, die in einem Paradoxon verweilen: Sie sind nicht glücklich mit dem, was sie tun, machen aber trotzdem weiter wie bisher, weil ihnen keine Lösung einfällt, wie sie es besser machen könnten. Vielleicht fehlt es an der finalen Option, um den Neuanfang zu wagen, vielleicht haben sie auch einfach nur Angst das Bisherige loszulassen. Doch wer kann ihnen das verdenken? Die wenigen, die den Schritt gewagt haben, waren hingegen nicht immer konsequent genug es komplett durchzuziehen und haben ihre Probleme mitgenommen oder – und das wiegt wohl noch schwerer – haben ihren Ausgleich zum Beruf respektive Privatleben verloren. Auf jeden Fall kommen sie nicht voran und treten auf der Stelle, ohne sich in irgendeine Richtung bewegen zu können. Mir geht es da im Augenblick nicht anders. Zumindest fühle ich mich so. Denn zum ersten Mal, seit ich diesen Beruf ausübe, frage ich mich, ob das, was ich persönlich tue, wirklich Sinn hat.

So habe ich mit meiner Rückkehr aus Berlin damit angefangen meine Gedanken zu Social Media wieder und wieder in einem kleinen Notizbuch festzuhalten, nur um beim Durchblättern festzustellen, dass die erfolgreichsten Modelle meiner Argumentation nicht etwa auf Chancen, Hoffnungen und Wagemut etwas Neues anzugehen basieren, sondern auf destruktiven Faktoren wie Furcht und Verlustängsten. Sicher, das sind keine allzu überraschenden Erkenntnisse, aber zu wissen, dass eine Argumentation für (!) neue Kommunikation allein deshalb Erfolg hätte, weil sie mit der Angst des Gegenübers kokettiert den Anschluss zu verlieren, Einbußen hinnehmen zu müssen oder aber mit dem Zögern einen nicht wieder gutzumachenden Fehler zu begehen, dann nimmt mir das meine höchst naive Illusion meinen Glauben an eine Welt, in der Mut belohnt wird. Doch die Natur des Menschen besteht darin aus Angst um die eigene Position das eigene Gut zu mehren und die Arbeit der anderen zu schmälern, um selbst besser dazustehen als das Gegenüber. Denn offen gesagt glaube ich mittlerweile (leider) aus Überzeugung, dass die größte Triebfeder unserer Zeit nicht etwa existenzieller Natur ist, sondern materieller. Was uns treibt, das ist die Suche nach dem nächsten Prügelknaben, um selbst nicht gejagt zu werden.

Folglich verliert sich auch im Beruflichen ein wenig der Wunsch durch Enabling noch mehr Öl in dieses Feuer zu gießen, wenn man das Angeln lehrt, nur um zu sehen, dass die anderen die Rute als Stock nutzen, um dem Gegenüber aufzuzeigen, was mit dieser Zweckentfremdung an weiteren kontraproduktiven Möglichkeiten machbar ist. Jene, die es im Guten versuchen und Dinge erschaffen wollen, müssen mitansehen, wie ihre Arbeit durch viele kleine wie große Hiebe wieder in Trümmer gelegt wird, damit die Offensiven im eigenen Wohlgefallen festhalten können, dass es kein Verlust sei, was geschehen ist, um ihr Gut zu sichern.

Nehmen wir das Beispiel Bahn. Vor etwa drei Stunden hat ein über Wochen hinweg geschultes Team unter Führung einer hoch engagierten Gruppe von Helfern und Beratern ein über Monate durch die knorrigen Strukturen eines Großkonzerns durchgeboxtes Kommunikationskonzept mit Leben erfüllt, das den Kunden nicht mehr als ein Service sein und Mehrwert bieten soll. Es sollen keine Wunder vollbracht und Heldentaten begangen werden, was man auch klar kommunizierte. Doch in den Tagen und Wochen davor fällt der Masse Mensch nichts Besseres ein als die Bemühungen klein zu reden und schlecht zu machen, weil man sich nicht von dem Gedanken lösen mag, dass ein Prügelknabe mit einer guten Tat aus seiner ihm zugeteilten Rolle ausbrechen könnte. Sich im Vorfeld über den Zweck des Ganzen zu informieren hielten nur wenige für nötig, was mir persönlich einfach nicht in den Kopf gehen will.

Claudia Sommer umschrieb es gestern sehr treffend: Wir sind zu bequem, um uns zu ändern. Gleichzeitig entziehen wir uns aber jeder inhaltlich relevanten Diskussion mit der Begründung, dass wir keine Experten seien, nur um diese dann wieder mit unserem Halbwissen zu kritisieren, da wir es augenscheinlich immer besser wissen. Dieses Land hat nicht nur achtzig Millionen Bundestrainer, sondern auch achtzig Millionen Kanzler, Atomenergieexperten, Gesundheitswissenschaftler und was weiß ich noch alles. Wir haben von allem zu viel, nur Ahnung, die haben wir selten, weil wir sie nicht für nötig erachten, um bestehen zu können. Es geht ja auch so immer und irgendwie.

Aber ist das der Sinn der Sache? Wie können wir – und das gilt für alle Ebenen und jedweden Bereich unseres Daseins – miteinander kommunizieren, wenn wir es zum Gros der Zeit gar nicht wollen, da wir Gefahr laufen unsere Meinung ändern zu müssen?

Ich weiß, dass es irgendwann einmal anders war, weil ich mich noch vage an diese Zeiten erinnern kann, in denen es besser lief und man über alles reden konnte, ohne das Messer hinterrücks zu führen. Aber mit der Erinnerung verblasst auch der Sinn dahinter, mit welchem Grund wir davon abgewichen sind. Vielleicht entdecke ich ihn irgendwann in einer kleinen Nebensächlichkeit wieder. Vielleicht ist er auch verloren gegangen und kommt nicht mehr zurück. Im Moment weiß ich allerdings nur, dass mich dieser Weg just nicht wirklich hundertprozentig glücklich machen kann.

22 Kommentare

  1. Ach Daniel, deine Gedanken kann ich nur zu gut nachvollziehen. Vor allem die Problematik der Unzufriedenheit mit der eigenen (beruflichen) Situation und der daraus resultierenden, finalen Konsequenz, etwas zu ändern, kenne ich sehr gut.
    Es ist nicht einfach, etwas komplett hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Und nicht immer funktioniert es auch. Doch wenn es funktioniert und man dann das „Richtige“ findet, ist es toll😉

    Deine Einschätzung der Lage bei neuen Projekten und der „Hiebe der Anderen“ sehe ich ähnlich.Egal, was es ist, eine Facebook-Seite, ein Twitter-Kanal oder sonst etwas, erstmal gibt es Kritik in vielen Variationen. Mal elaboriert und sinnvoll, meistens jedoch eher nicht. Ist das ein deutsches Problem? Ein europäisches? Sind wir dem „Neuen“ gegenüber zu verschlossen und mit dem „Alten“ zu verwachsen? Vor allem aber dieses argumentieren mit der Angst geht auch mir ziemlich auf den Senkel. Nicht nur im Social Web, sondern grundsätzlich.

    Lass dich aber nicht von der Missgunst und den 80 Millionen „Experten“ verunsichern, geh weiter mit gutem Beispiel voran. Sei offen für Neues und wertschätze das Alte. Hoffe und Vertraue auf deine Generation, vielleicht sind wir (noch) nicht so. Auch wenn ich befürchte, dass wir einmal so werden.

    Ich habe mal gehört, dass man dann erkennt, dass Kinder erwachsen werden, wenn sie es schaffen sich selbst gut darzustellen, ohne andere schlecht machen zu müssen. Seitdem versuche ich, in dieser Hinsicht kein Kind mehr zu sein. Es wird auch für das (deutsche) Social Web Zeit, erwachsen zu werden.

    1. Eben das ist es, wonach ich suche: das „Richtige“. In meinem Fall sind es wohl Antworten oder eben eine Haltung, wie man mit all dem umgehen könnte. Es fällt schwer jemanden im Guten überzeugen zu wollen – nicht den eigenen Willen aufzuzwängen! -, wenn dieser jegliche Gesprächsbereitschaft ablehnt und nicht bereit ist seine eigene Meinung und Betrachtungsweise auch nur im Entferntesten zur Disposition zu stellen.

      Keiner von uns ist perfekt, aber zu sehen, wie viele das von sich glauben, um in der Folge über andere richten zu dürfen, ist immer wieder erschreckend und verhindert den Gedankenaustausch zur objektiven Betrachtung der Dinge per se. Ich selbst hoffe umso mehr, dass ich irgendwann die Weisheit und Größe besitzen werde, die mich davor bewahrt in diese Situation zu kommen (oder zumindest nicht mehr zu kommen).

  2. mit 25 darfst du eine sinnkrise haben.
    ich kann deine gedanken und deinen standpunkt sehr gut nachempfinden. sehr ähnliche gedanken habe ich mir vor nicht allzu langer zeit gemacht. es ist nicht leicht eine lösung zu finden und mir hat dabei ein zweiwöchiger urlaub sehr gut geholfen meine perspektiven im leben wieder neu zu ordnen. fernab von dem was als social media revolution angeprisen wird und unser leben immer mehr bestimmt. langes reflektieren meiner gedanken war hilfreich und es ist auch jetzt nicht immer alles klar für mich. die grundhaltung zum leben habe ich aber im moment für mich gefunden, und zwar sowohl zu meinem beruf als auch, und das ist noch viel wichtiger zu meinem privatleben.
    zuerst musst du mit dir selbst klarkommen um dann auch anderen gegenüber adequat aufzutreten. das ist ein langsamer prozess in immer neuen hochs und tiefs wie ich es bis jetzt erlebt habe, aber ich glaube es macht langfristig glücklicher darüber nachzudenken und zu überlegen wo du herkommst, wo du bist und wohin du jetzt gerade gehen möchtest.
    ich drück dir die daumen, dass du deinen weg mit dem alltag umzugehen findest.

    1. Ich denke, die wichtigste deiner vielen mit uns geteilten Erkenntnisse ist, neben dem steten Reflektieren des eigenen Weges, wieder ein Gespür dafür zu bekommen, wann man von diesem turbulenten Treiben einen großen Schritt zurücktreten sollte, um das (eigene) Gesamtbild zu betrachten. Ein Schritt, den ich, so merke ich es immer mehr an mir selbst, nicht mit vielen kleinen Pausen kompensieren kann. Es bedarf wohl wirklich eines größeren, in sich geschlossenen Breaks, um mal wieder zur Ruhe zu kommen und „back on track“ zu finden.

      Von daher einmal mehr Danke für deine Gedanken und für’s Daumendrücken🙂

  3. Daniel, das ist doch überall so.

    Mein letztes „Aha“-Erlebnis in dieser Richtung war, als einer Freundin und Kollegin vor einem Jahr das Dach über dem Kopf weggebrannt ist und sie von heute auf morgen auf der Straße stand. Einige Kolleginnen (mich eingeschlossen) haben damals eine Spendenwebsite aus dem Boden gestampft, und wir hätten nie damit gerechnet, dass es Angriffe aus der untersten Schublade per Gästebuch und Mail geben würde, wo uns Betrugsabsichten unterstellt wurden. In einem (nichtöffentlichen) Forum wurde ebenfalls auf das Übelste gehetzt – ich habe mir damals nur berichten lassen und mir keinen Zugang verschafft, weil ich das alles gar nicht lesen wollte, wir brauchten die Energie schließlich, um unserer Freundin und Kollegin zu helfen.
    Kommentare wie „anderen Leuten geht es auch schlecht, warum sollen wir jetzt gerade denen helfen?“ (wir haben niemanden zugespammt, nur über unsere Kanäle über diese Seite und Aktion informiert!) waren da noch das Harmloseste.

    Dahinter steckt oft Neid und Missgunst, oder Dummheit (die auch als mangelnde emotionale Intelligenz daherkommen kann), und das schon seit Anbeginn der Menschheit. Das ist ein „Feature“, mit dem man beim Modell Mensch leider leben muss – ich empfehle dringend, die Energie auf die Menschen zu richten, bei denen es sich lohnt (weil sie guten Willens sind) und die Angriffe der anderen (egal in welchem Gewand sie daherkommen) an sich abperlen zu lassen.

    1. Wenn das wirklich ein „Feature“ ist, dann kann ich nur hoffen, dass es in naher Zukunft ein Patch zum emotionalen (Intelligenz-)Ausgleich gibt.

  4. Mir ist beim Lesen Deines Artikels noch nicht klar, um was es Dir geht.

    Haderst Du mit Deiner Einstellung zum Job und Privaten? Der berühmten Life-Work-Balance?
    Oder ist es der Zweifel über den Sinn des Jobs, dessen Auswüchsen im medialen Zeitalter? Was er für Dich und andere bedeutet? Welche Auswirkungen es hat? Oder ist es die Sinnkrise im Bezug auf das Verhalten der Mitmenschen (Dir, anderen, einer Sache gegenüber?) und Du hast als Beispiel etwas aus dem Social Life gebracht?

    1. Es sind gute und vor allem auch richtige Fragen, die du da stellst. Im Moment ist ein klein wenig von allem, denke ich. Ein „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“. Im Großen betrachtet ist es das Gesamtbild, das heruntergebrochen auf die einzelnen Elemente immer wieder seine Auswirkungen hat und mir noch nicht so ganz klar werden mag, wieso man es sich mit suboptimalen Verhalten (da nehme ich mich nicht aus) so schwer machen muss.

      Ich bin nach wie vor dabei das für mich herauszukriegen. Der Prozess des Schreibens hilft mir dabei aber auf jeden Fall weiter, um das alles erst einmal sortieren zu können. Ob es dann bereits erste Anzeichen auf Lösung gibt? Das wird sich zeigen …

  5. David von Schewski · · Antworten

    Ein sehr schöner Text, der mich etwas an das erinnert, was welcher große Denker nochmal in seinem eigenen Blog täglich beschreibt….? Achja, genau: ich;-)
    Im Ernst, meine Sinnsuche hat im grunde schon wenige Minuten nach der Geburt begonnen, auch wenn mir das erst viele Jahre später klar wurde, kann man einen gewissen depressiven Charakter doch durchaus auf eine zu frühe Geburt zurückführen. 25 finde ich da dementsprechend kein Alter für sowas. Ich bin nach all den Jahren der Selbstseziererei so weit zu sagen, dass die Kunst gar nicht so sehr darin liegt, nicht auf der Stelle zu treten, sondern darin zu erkennen, das nichts schlimmes dabei ist, auf der Stelle zu treten. Wir sind Menschen und treten alle auf der Stelle, egal ob wir gerade mit 200 Sachen über die Autobahn heizen oder auf einen fetten Managersessel befördert werden.
    Und sonst: das Aufregen ist das Problem, bedenkt man – ja ich bin Existentialist – das wir nichts wissen und nur erkennen können, dass wir nichts erkennen, ist diese allgemeine Aufregerei über alles mögliche echt übertrieben. Jetzt wird sich aufgeregt darüber, dass der EHEC-Erreger noch nicht so richtig ausfindig gemacht worden ist. Du meine Güte, so is das halt, wir sind nunmal keine Götter, wir können zwar graben, aber wenn kein Öl da ist, dann kommt auch keines.Oder diese beständige Meckerei über die Deutsche Bahn oder andere Service-Sache. Himmel, sich in nen Zug setzen, aber dann rumjammern, dass da noch andere Menschen sind, es also zu menschlichen Problemen kommen kann, wie degenriert ist das denn?

    LG David

  6. Lieber Daniel, mit fast doppelten 25 (naja) und daher staatlichem Anspruch auf mindestens zwei Sinnkrisen ärgere ich mich auch über dieses sachlich grundlose, aber wohl tief im menschlichen Charakter brodelnde Motzphänomen. Was hatten wir schon für Fälle, wo einfach mal draufgehauen wurde – nur, weil „wir als Stadt“ grundsätzlich immer für alles Schlechte, Falsche und Betrügerische dieser Welt haftbar zu machen seien. Aus Prinzip. Ich versuche, das mittlerweile mit Langmut und ein wenig Amüsement zu ertragen. Einfach ist es nicht und war es nie. Komischerweise spielt – aus meiner auch wieder sehr eingeschränkten, expertisefreien Sicht – in der Social-Media-PR dieser Aspekt kaum eine Rolle (korrigiere mich bitte, wenn ich da einem längst obsoleten Wissenstand aufsitze). Ich mache mittlerweile ein wenig „die Medien“ für diese ach so notwendigerweise hyperkritische Haltung alles und jedem gegenüber verantwortlich. Sie gibt die Denkstruktur vor, der viele der 80 Millionen Bundestrainer nolens volens folgen. Klug ist, wer kritisch ist. Naiv, wer alles glaubt, so deren Grundhaltung. Und wer will schon als Naivling gelten? Also wird allen ein sinistres finsteres Eigeninteresse unterstellt bei allem, was sie tun (das Brandopfer-Spendenbeispiel) – denn nur der Naive hofft, dass es Altruismus wirklich geben könnte. Und natürlich ist der (gute) Vorschlag des einen ein Angriff auf die Intelligenz resp. die Interessen des anderen. Das Gute als Trojanisches Pferd, als Danaergeschenk, dem man prinzipiell feindselig gegenüber stehen muss, will man nicht in die vermutete Falle tappen. Wie gesagt, die Medien geben die Denkstruktur vor. Sie ignorieren die Suppe und suchen verzweifelt nach dem Haar darin. Sind alle einer Meinung, unterstellen sie einen „Maulkorb-Erlass“. Gibt es andere Meinungen, unterstellen sie Streit. „Koalition ist uneins“ ist eine meiner Lieblings-Lehrheadlines… (Nicht, weil ich die Koalition gut fände, im Gegenteil. Sondern weil sie den journalistischen Tick offenbart, immer nach dem relativ irrelevanten Haar zu suchen – sei es blond, brünett, kurz oder lang).
    Ich weiß vermutlich, dass mein Angriff ebenfalls interessegeleitet (das Motiv ist Neid), sachlich unbegründet (Haare in der Suppe sind das Letzte) und substanzlos ist (wieso spiele ich mich als Nationaltrainer der Medienmannschaft auf?). Mit diesem Halbwissen um die eigene verachtenswerte Fehlbarkeit kann ich die Motzereien der Vielbesserwisser schmunzelnd ertragen. Meistens demaskieren sie ihr Unwissen, ihren eigenen Frust, ihren Neid oder ihre Geltungssucht relativ schnell. (Wir hatten mal einen Tweet, dass die Stadt einen Preis gewonnen habe. In einem Reply meinte eine völlig aufgebracht, sie sei aber sowas von dagegen! Mit dem Abstand von heute kann ich über diese völlig sinnfreie Auslassung nur noch schmunzeln. Damals hat sie mich getroffen.)
    Also, lass Dir von einem ergrauten älteren Herrn sagen: Die Leute sind schlimm, ja. Ihre Reaktionen sind völlig unfair, ja. Sie halten sich für allzuständige Experten und wissen genauso wenig über Kernphysik oder Entomologie wie Du und ich (wie ich vermute). Und sie machen sich damit selbst zum Affen. Eigentlich ein herrliches unentgeltliches Spektakel, das wir da geboten bekommen. Lache, Daniel, lache! :-))

    1. Mein lieber Harald,

      vielen vielen Dank für diese manigfaltigen Einwürfe. Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll, obgleich die meisten deiner Ansätze schon für sich sprechen können.

      So räume ich vielleicht (leider) nur mit deinem Glauben auf, dass es in der Social-Media- und Online-PR-Szene keine Missgunst und ähnliches gebe. Die gibt es leider sehr wohl, wie ich gerade am Beispiel Bahn sehen konnte.

      Kleiner Disclosure: mein Chef hat (s)einen Beitrag zur Konzeption und Umsetzung des Kommunikationskonzeptes beigetragen, das heute einen so schön anzusehenden Pilottag hatte und von vielen gelobt wird.

      Sicher, er ist mit seinen Aussagen und Ansichten nicht unumstritten, aber zu sehen, wie die gute Arbeit eines ganzen Stabs nur aufgrund seiner Teilnahme am Projekt als weniger gut eingestuft wird, weil persönliche Anymositäten und Eitelkeiten im Wege stehen, will mir nicht einleuchten.

      Wenn wir alle das gleiche Ziel verfolgen für uns alle verfolgen, warum streiten wir dann immer noch über den einen richtigen Weg, den es sowieso nicht gibt?

  7. „Shit happens“ – aber er darf nicht das Leben eines Menschen bestimmen. Also nimm es als das, was es ist – außer es ist konstruktive Kritik, die dich auch weiterbringt.

  8. Ich glaube, dass sich Sinnkrisen wirklich nicht auf ein Alter festlegen. Meine erste größere Sinnkrise hatte ich auch schon mit 22 Jahren. Das bedeutet zumindest, dass du dir die Zeit nimmst zu reflektieren, was heutzutage eine wichtige Qualität ist. Man hat das Gefühl, dass diese Qualität aufgrund der Schnelllebigkeit doch bei vielen Menschen nur noch eingeschränkt vorhanden ist. Dazu gehört natürlich auch seine Schlüsse daraus zu ziehen und nicht unbedingt direkt wieder in den selben Alltag einzutreten ohne den Prozess abzuschließen.

    Diese negative Grundstimmung ist in diesem Land leider nur sehr schwer wegzubekommen, da man das Gefühl hat, dass sie doch immer noch tief verankert ist. Insgesamt nehmen sich die Menschen hierzulande oftmals zu ernst.

    Angst ist ein weiteres Thema, welches sich im Prinzip an diese negative Grundstimmung anschließt. Wenn alles Neue sofort kritisiert wird, wie soll man sich dann auch trauen sich grundlegend zu verändern? Wäre Deutschland nicht ein so wohlhabendes Land mit einer größtenteils intakten Sozialstruktur, würden Menschen sich wohl leichter überwinden größere Veränderungen einzugehen.

    Ich freue mich auf jeden Fall noch ein Stück mehr auf das Barcamp. Spannendes Thema, das du hier ansprichst. Kann man sicher noch weiter diskutieren.😉

    1. Julian, es wäre mir eine Freude diese Gedanken in Karlsruhe fortzuführen. Allerdings entscheidet sich das leider erst am Dienstag final … Ich gebe dir auf jeden Fall noch einmal Bescheid deswegen!

  9. Das war auch eine Sache, die ich mit Zweifeln meinte. Verstehst du, ein wenig?
    Ja, ich stecke auch in so einem „Ungemach“ und muss doch irgendwie erstmal mit Wohnung und Schule und allem weiterkommen.
    Verändere nichts überstürzt, aber mach dir ruhig Gedanken, was du in 2 Jahren anders haben willst. Ja, das wäre jetzt so der Ratgeber-Buch-Tipp von einem Jugendlichen- darfst du so ernst nehmen, wie du es für richtig hältst, das ist ja das Gute. 🙂

    1. Alex, es gibt nur wenige Jüngere in meinem erweiterten und engeren Kreis, auf deren Meinung und Wort ich mehr geben würde😉

      Allerdings will ich nicht überlegen, was in zwei Jahren sein könnte. Seit meinem 16. Lebensjahr haben sich viele Dinge gefügt, ohne dass ich sie hätte erahnen können, und dennoch bin ich jetzt genau hier. Was mich hierhin begleitet hat war eine Haltung und Einstellung, die nicht auf dem Schlechtmachen anderer beruht hat.

      Zu sehen, dass man auf anderem Wege mit weniger Empathie und Co. ähnlich weit kommt, ist es, was mich desillusioniert

  10. Okay: Es geht drum: Du brauchst was, auf das du positiv hinarbeiten kannst. Eine Richtung. Deswegen nichts jetzt sofort, nichtmal unbedingt zu konkret. Und dann musst du eben darauf achten, niemanden schlecht zu reden. Wenigstens selbst kannst du es schaffen. =)

  11. Wenn ich mich durch Deine Kommentare und Aussagen lese, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Du desillusioniert wurdest. Vom Leben, wie es wirklich ist.

    Wenn wir jung sind (wobei ich immer noch finde, dass wir beide durchaus auch noch als jung gelten) stellen wir uns vor, wie die Welt sein soll. Wir sind voller Idealismus und guten Ideen, die wir umsetzen möchten. Wir gehen mit Engagement an den Job, an unser Privatleben, an die Weltpolitik. Natürlich sind wir nicht naiv und glauben, dass wir die Welt ändern können. Aber wir fabulieren, dass es vielleicht doch an einigen kleinen Ecken… Nun ja.

    Dann stolpern wir immer tiefer hinein in das Leben. Lernen andere Menschen, andere Sichtweisen, Grenzen kennen und stoßen uns den Kopf. Wir machen weiter, voll Elan und Enthusiasmus. Und bekommen wieder Grenzen gezeigt. Und es geht nicht mehr voran. Nicht in die Richtung, die wir gehen wollten. Da sind Blockaden, da sind Gegenströme, die (noch) stärker sind, als der eigene Schwung.

    Wir beginnen an unseren Zielen und Plänen zu zweifeln. Wir überlegen, ob es so richtig ist, was wir tun. Unsere Überzeugung bröckelt. Unser Elan ebbt ab und wir stürzen in sowas wie ein Loch. Oder eine Sinnkrise. Wir fühlen uns plötzlich, als ob wir uns ordentlich auf die Fresse gelegt hätten, weil wir etwas beobachten, dass wir nie für möglich gehalten haben, weil es in unserem bisherigen Denkschema oder dem eigenen Idealismus nicht vorkam: Leute, die anders sind. Anders denken. Anders handeln. Oder vielleicht sogar gar nicht handeln. Sondern sich fügen.

    Jetzt kommt dieser Moment, an dem man sich wohl klar machen muss, welchen Weg man geht. Prima durch die Wand mit Beulen und Schrammen und ohne Garantie, ob das, was man tut, richtig ist und zum Erfolg führt, aber treu auf seinem Weg. Oder langsam mit Umwegen außen herum, auch auf die Gefahr hin, dass man sich vielleicht auf einem der Nebenwege verliert und den Weg eines anderen geht oder sein Ziel aus den Augen verliert.

    Eine Bloggerin (Soulsilence) benennt als Lieblingsspruch immer „Ein Weg entsteht dadurch, dass man ihn geht“. Ich füge noch hinzu, dass ein Weg nur dadurch entsteht, dass man einen Schritt tut. In welche Richtung auch immer. Und sich nicht darin verliert, stehen zu bleiben und über den Sinn oder Unsinn zu grübeln, der einen zum Stehen gebracht hat, weil jemand von außen ein Bein gestellt hat. Denken kann man auch wunderbar im Gehen.

    Du wirst die Neider nicht ändern können. Du wirst das System nicht ändern können. Du wirst nicht ändern können, dass dieses System auf Hacken und Treten basiert, dass das Dilbert-Prinzip täglich zelebriert wird. Du wirst nicht ändern können, dass Fairness höchstens noch im Sport existiert und nur ganz selten in der Realität.

    Aber Du kannst dafür sorgen, dass Du Dich in der Realität fair verhältst und als Teil des Systems das System von innen an einigen wenigen Stellen besser machen kannst. Du brauchst nicht neiden. Du brauchst nicht treten und hacken. Du brauchst nicht die Leistung anderer nieder zu machen. Auf welchem Weg auch immer.

    Ein anderer Blogger (Fressack) sagt immer: „Setze dich an einen Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde an dir vorbei treiben“. Und es ist wirklich eine sehr gute Einstellung. Denn wie Harry Ille oben schon schrieb: „Und sie machen sich damit selbst zum Affen. Eigentlich ein herrliches unentgeltliches Spektakel, das wir da geboten bekommen. Lache, Daniel, lache!“

    Sinnkrisen sind gut. Sinnkrisen bedeuten, dass man nachdenkt. Genieße diese Sinnkrise. Wer weiß, wann die nächste kommt.

  12. […] man meinem letzten Beitrag entnehmen konnte, gibt es zurzeit eine Sache, die mich ganz besonders beschäftigt: Die unnötige […]

  13. […] noch ehrlicher zu sein: Auch mit Blick auf meine Sinnkrise Mitte des Jahres habe ich mehr als einmal nicht täglich das Optimum herausgeholt. Sicher, nicht jeder dreht 24/7 […]

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