Zum Kern der Sache: Zwei Schritte vor und einen zurück

Es gibt wenige Menschen, mit denen ich mich so gut über die Dinge, die mich beschäftigen, austauschen kann, wie mit Kai Fischer. Das ist insofern witzig und schön zugleich, da wir uns erst seit Ende letzten Jahres wirklich kennen, obwohl wir in unserer Heimat wahrscheinlich schon mehrmals aneinander vorbeigelaufen sind, ohne uns beachtet zu haben. Deshalb bin ich dem Zufall, der uns in Person einer sehr lieben und hoch geschätzten Freundin zusammengeführt hat, jedes Mal aufs Neue dankbar, dass es so gekommen ist.

Wie man meinem letzten Beitrag entnehmen konnte, gibt es zurzeit eine Sache, die mich ganz besonders beschäftigt: Die unnötige Verkomplizierung von Situationen, die mit einem klärenden Gespräch so viel leichter zu lösen wären. Miteinander zu sprechen, statt übereinander, und aufeinander statt „nur“ zuzuhören.

Ich bin nach wie vor auf der Suche nach einer Antwort auf meine Fragen oder zumindest einer Haltung, die ich in diesem Prozess und der Lage selbst gegenüber einnehmen könnte, doch es war ein Gespräch mit Kai gestern Abend, das mir wieder etwas mehr Erleuchtung für mein Dasein wie meinen Job (und somit mein Verständnis von Social Media) brachte, um zu verstehen. Zu verstehen ist in diesem Sinne von doppelter Bedeutung und Wichtigkeit für die Erkenntnisse, die seit diesem Gespräch in mir gereift sind (überraschend schnell, wie ich feststellen musste).

Wir sind uns alle miteinander einig, dass es für alle Beteiligten leichter wäre – wie oben schon erwähnt – miteinander zu sprechen, statt übereinander. Gleiches gilt für das Aufeinanderhören wie auch Zuhören. Wir wissen, dass dies die bessere Kommunikation ist und versuchen sie zu erreichen, müssen aber immer wieder erkennen, wie wir in der eigentlichen Umsetzung des Ganzen scheitern, da wir einen einfachen, aber grundlegenden Denkfehler begehen: Wir nehmen uns als Maßstab und verlangen von den anderen die gleichen Erkenntnisse und Ausgangslagen. Ich selbst mache diesen Fehler immer wie auch hin und wieder auf den unterschiedlichsten Feldern, obwohl ich es doch eigentlich besser weiß.

Denn in der Annahme, dass unser Gegenüber auf dem gleichen Stande agiert wie wir, erwarten wir den zweiten Schritt, bevor der erste getan oder überhaupt verstanden wurde. Und allein das finde ich schon faszinierend, da man sich ob dieser Fehleinschätzung per se selbst sabotiert und gar nicht zum Ziel – dem klärenden Gespräch miteinander – kommen kann. Denn wenn wir nicht wissen worüber wir sprechen, wie sollen wir dann im gemeinsamen Gespräch zu einer Lösung kommen? Oder wenn wir einander nicht zuhören, wie können wir dann aufeinander hören?

Ganz ehrlich: Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sehr oft den zweiten Schritt ausrufen, obwohl wir den ersten noch nicht einmal im Ansatz vollzogen haben. Wir wollen rennen, obwohl wir noch nicht einmal richtig gehen, geschweige denn krabbeln können. Oder anders gesagt: Wir sprechen über die Sache selbst, aber nicht über den Menschen dahinter, der ebenso, wenn nicht gar sogar viel mehr als das, der eigentliche Auslöser der Dinge ist. So geht es mir zumindest ab und an.

Ich selbst halte mich für einen ganz passablen Zuhörer und Beobachter, der aus großen und vor allen kleinen Andeutungen im Gespräch mit anderen herauszuhören glaubt, was sich mein Gegenüber wünscht oder denkt. Doch würde man mich auf die Reise schicken, um dieser Personen einen kleinen, ja wenn nicht sogar einen Herzenswunsch zu erfüllen, der nicht explizit ausformuliert wurde, ich würde sehr wahrscheinlich daran scheitern. Ebenso wie viele andere von uns, die noch besser sind, als ich es bin, ebenfalls scheitern würden. Und warum? Weil wir zwar sehr viel miteinander reden, aber viel zu selten übereinander. Wir berauben uns mit dem Gespräch übereinander einer ersten, sehr wichtigen Ebene des gegenseitigen Wahrnehmens und Kennen- bis Verstehenlernens. Dabei meine ich nicht das „Übereinanderreden“ im Sinne von Tratsch, Abwertung oder ähnliches von Personen, die nicht vor Ort sind – obwohl auch das extrem viel über den sich Äußernden verrät und aussagt. Ich meine das Übereinanderreden im Sinne der eignenen inneren (Un-)Ruhe und Person.

Fragt euch einmal ganz ehrlich, wann ihr das letzte Mal mit jemandem, auf den ihr auch tatsächlich hören würdet, über euch selbst, eure Gefühle, Sorgen, Ängste, Träume, Wünsche und Alltagsdinge geredet habt, ohne auf der oberflächlichen Ebene des „Ja, ist schon alles okay soweit“ zu bleiben oder nur eine einseitige Ausführung dieses Gesprächs zu betreiben, die nur einer und nicht beiden Seiten eine neue Erkenntnis und Sicht auf die Dinge ermöglicht.

Ich selbst bin immer wieder von mir erstaunt (und manchmal auch enttäuscht) wie viel bzw. wenig Aufmerksamkeit und Beachtung ich meinem Gegenüber zuweilen zu schenken bereit bin. Das passiert nicht aus einer Laune heraus, sondern aus der Situation und eigenen Lage, in der ich mich just in solchen Momenten befinde. Denn es ist nicht immer leicht sich in den anderen hineinzuversetzen, ihn verstehen und seine Sorgen und Bitten respektieren zu wollen, wenn sie im eigenen Lichte betrachtet gänzlich (un-)interessant und (un-)wirklich wirken. Gewiss, auch das sind einmal mehr keine Steine der Weisen, aber sie helfen mir in der entsprechenden Betrachtung ein Mosaik zu vervollständigen. Allein die Anstrengung zu unternehmen, den anderen verstehen zu wollen, ist für mich persönlich ein erster Schritt in die richtige Richtung, auch wenn dieser am meisten Kraft und Überwindung kostet.

Natürlich, es ist einmal mehr eine Illusion zu glauben, dass mir dies nun häufiger gelingen würde, nur weil ich mir darüber im Klaren bin, wo der eigentliche Fehler liegt. Aber der Gedanke und die Erkenntnis, dass das wahrhaftige Paradoxon des Miteinanders etwas schlüssiger erscheint, wenn man weiß, dass man erst einen Schritt zurück machen muss, um wirklich nach vorne zu kommen, ist umso wertvoller.

Von daher: Danke, Kai.

One comment

  1. Ein Problem der digitalen Chancen ist meines Erachtens, dass zwar die Menge der Verbindungen und damit die soziale Interaktionsrate zunimmt. Aber die Tiefe fehlt, weil die Zeit zu knapp ist und Wissen hohes Gut. Die Quelle – und damit wir selbst werden unwichtiger, Information ist alles. Wir definieren uns zunehmend über Information und Wissen, weniger über Individualität und Gefühl. Die Medaille hat wie immer zwei Seiten.

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