Allein allein?: Über gefühlte Nähe (mit Social Media)

Kennt ihr noch „Die Waltons„? Die älteren Semester sicherlich (no offense, meine Lieben). Die Jüngeren unter euch kennen wahrscheinlich eher das popkulturell anerkannte „Gute Nacht, John-Boy …„, das gar nicht so oft in der Serie vorkam. Aber das ist eine andere Geschichte. Worauf ich hinaus will ist diese eine kleine Anekdote, die das damalige „Dasein“ der Waltons so schön episodisch abschloss.

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, nachdem man sich all seine Geschichten und Erlebnisse erzählt hat, und man begibt sich zur verdienten Ruhe. Wer nicht gerade seine Liebste/seinen Liebsten an seiner Seite hat, um ihr/ihm ein „Gute Nacht, Dear“ zuzuhauchen (oder zu texten), der vermisst solche Momente zuweilen und denkt sich „Hätte ich doch nur jemanden, mit dem ich mich darüber austauschen kann, was so passiert ist und wie es mir geht“.

„Alleinsein-Müssen ist das Schwerste, Alleinsein-Können das Schönste.“
– Hans Krailsheimer, Kein Ausweg ist auch einer

Als ich gestern Abend nach einem Tag ohne Kollegen, Freunde, Brunch, Kino, whatever (also gemeinsame Kontakte und soziale Aktivitäten, die über den nötigen Einkauf zum Wochenende hinausgehen) zu Bett ging, war ich kurz davor einen ähnlichen mit Selbstmitleid getränkten Gedanken zu formulieren, als mir auffiel, dass ich wie selbstverständlich noch einen letzten Blick in meinen Newsreader, Facebook, Twitter, Foursquare und Pinterest warf. Und so keimte in mir die Überlegung, ob und wie wir „alleine“ im Kontext Social Media eigentlich neu definieren können (respektive müssen?).

Ist „Offline sein“ schon eine stärkere oder gar neue Form des Alleinseins denn „nicht auf Twitter/Facebook/etc. rumdaddeln“, wenn britischen Untersuchungen zu Folge schon jetzt 66 Prozent der Befragten unter Nomophobie leiden, da sie fürchten mobil für soziale und geschäftliche Kontakte unerreichbar zu sein? De facto gibt es in unseren digitalen Sphären schon jetzt kaum noch ein „Guten Morgen“ oder auch „Gute Nacht“, das nicht von wenigstem einem FFF (Freund, Fan, Follower) kommentiert werden würde. Ja, wir fühlen uns regelrecht unwohl, wenn nichts passiert. Wenn man es recht bedenkt, dann hinterlässt man überhaupt kaum mehr eine Spur im Web, die nicht kommentiert, geliked oder weitergeleitet werden würde. Updates, Fotos, Videos, Grafiken, … die Palette der Möglichkeiten zur Teilhabe ist ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten der Empathie und Zuwendung in 140 Zeichen und mehr. Man ist weitaus weniger allein, als man glauben mag, auch wenn sich die Gesellschaft nicht in greifbarer Form darstellt, und in mehr Leben involviert als jemals zuvor, ohne diese Menschen zu kennen. Es wirkt paradox.

„Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, dass man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.“
– Karl Kraus, Fackel 326/328 40; Pro domo et mundo

Sicher, keine Buchstabenfolge der Welt kann einen dermaßen beglücken wie die Umarmung eines Menschen, den man gern hat/der dich gern hat, aber in Momenten, in denen man physisch – ob nun freiwillig oder nicht – ganz für sich ist und ein Gefühl der Einsamkeit aufkommt, können ein paar Zeilen überaus erfreulich sein, ohne das diese eben jene empathische Botschaft transportieren müssten.

Ich will dabei gar nicht erst in eine haargenaue Aufsplittung der Begrifflichkeiten „Alleinsein“ und „Einsamkeit“ abdriften, da beide ihr ganz eigene Gewichtung haben und man beides gezielt suchen kann. Aber mir scheint es immer weiter weg vorzukommen, dass ich wirklich allein und gleichermaßen einsam war, sofern ich diesen Zustand nicht bewusst (aus emotionalen wie auch ir-/rationalen Gründen heraus) suchte, indem ich auf rein technischer Ebene betrachtet das Device komplett aus- und das Netbook gar nicht erst eingeschaltet habe. Das Festnetztelefon blieb hingegen an. Das habe ich gefühlt sowieso nur für meine Verwandtschaft. Mit dem Kappen der elektronischen Verbindungen war ich vor ein paar Wochen für 98 Prozent meiner Freunde, Bekannten und Familie ganze drei Tage lang kaum mehr erreichbar. Das macht den Kopf frei, aber was sagt es über die Begriffe „allein“ und „einsam“ aus, wenn sie wie ein Schalter an- und ausgeschaltet werden können?

Ich meine dabei noch nicht einmal mich als heavy user, der in seinem Nutzen von Technik und Kommunikation wirklich kein Maßstab für irgendjemand sein sollte. Ich erlebe das auch in meinem weniger affinen Bekanntenkreis, das man sich über das ständige Bewusstsein freut jederzeit im Groben einschätzen zu können, was bei Freunden los ist. Updates auf Twitter und Facebook geben Aufschluss über die letzte Aktivität, Check-Ins auf Foursquare verraten mir das (dazugehörige) Wo, Instagram fängt die Bilder dazu ein, … Diese „Awareness“, die man empfindet, lässt einen im Glauben dabei zu sein, auch wenn man weit weg ist. Das ist natürlich nur ein Placebo-Effekt, der Nähe vorgaukelt. Aber wir glauben bei einer Postkarte aus Spanien auch für einen kurzen Moment die Sonnenstrahlen auf unserer Haut zu spüren, wenn wir das lichtgeflutete Motiv auf der Frontseite betrachten, und lächeln.

Auf der anderen Seite steht aber auch das mulmige Gefühl das Nicht-Wissens, wenn die andere Seite die digitalen (und realen) Bande (un-)bewusst kappt. Lange nichts von jemandem zu hören, der vielleicht nur drei U-Bahn-Stationen weiter weg wohnt, kann ebenso faszinierend wie auch verstörend sein. Und wie oft ruft man diese Person dann wirklich an? Die technischen Möglichkeiten wie Social Media neigen dazu Geselligkeit zu einer Bequemlichkeit werden zu lassen. Man fühlt sich näher, als man eigentlich ist, und einsamer, als man müsste.

Nehmt euch eine Minute und überlegt ruhig einmal, wann ihr das letzte Mal in diesem Sinne (ganz bewusst) allein wart und wann einsam. Und wenn ihr damit fertig seid, dann geht raus und trefft euch mit einem Herzensmenschen, um darüber zu twittern und das Foto des gemeinsamen Latte Macchiatto zu sharen. Denn allein und einsam ist, was ihr daraus macht.

Bildquelle: Prathap Ramamurthy

13 Kommentare

  1. Lieber Daniel, Du hast wieder mal ein Thema erwischt, das mich auch immer mal wieder beschäftigt. Allein. Oder beim Sabbeln mit anderen😉. Für mich hatte Alleinsein und Einsamkeit immer wenig mit tatsächlich anwesenden Menschen zu tun. Aber zu wissen, dass es einige Menschen da draußen gibt, mit denen es sich „sein“ lässt, ist etwas, das ich nicht missen möchte. Vielleicht bin ich auch deshalb gern mitunter allein mit mir. Weil es ein selbst gewählter Zustand ist. Stünden in der Tat keine „leeren Sessel“ herum, auf die ich jemanden einladen könnte oder auf die sich jemand einfach mal setzt, weil er da ist und wir uns freuen, einander zu haben, wäre das etwas anderes. Ein wunderbares Zitat von Karl Kraus. Danke. Nicht nur dafür.

  2. Ich vermurkse jetzt mal bewusst ein anderes Zitat von einer gewissen Monroe: „Social Media ist etwas Herrliches, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht daran wärmen.“

    Und ist es nicht schön, wenn man weiß, dass bei einem Ausfall des Internets oder eines viel genutzten Social-Dienstes die realen Kontakte bleiben, an denen man sich wärmen kann? Ich denke schon.

    Eine gewisse Distanz zu virtuellen Verflechtungen kann niemanden schaden.

    Danke für den schönen Artikel.

    1. Sehr, sehr weise und wahr. Bitte immer in echten menschlichen Kontakten bleiben, alles andere ist unwahr und zerstörerisch. Social Media Kontakte sind kalt und unreal. Niemand interessiert sich wirklich für dich, alles ist unberbindlich, locker. Fragen werden nicht beantwortet.

  3. Interessante Gedanken … Ich habe für 2,5 Wochen ganz bewusst das Alleinsein gesucht, denn ich war ohne meinen Partner auf Reisen. Und es war wunderschön, alleine durch die Natur zu wandern, neue Plätze zu besichtigen usw. Durch Skype und meinen Blog bzw. E-Mail-Kontakte hatte ich dabei aber nie das Gefühl, wirklich alleine zu sein, denn gerade die Telefonate mit meinem Freund und meiner Familie gaben mir das Gefühl , gar nicht wirklich weit weg zu sein, sie dank Webcam ja ohnehin zu sehen. Einsamkeit kam also gar nicht auf, was in mir die Frage aufwarf, ob ich (da ich das Alleinsein ja bewusst gesucht habe), dadurch etwas verpasst habe? Denn statt alleine abends z.B. zu lesen, habe ich meine Gedanken gebloggt und telefoniert. Ich bin aber kein typischer User – denn ich lasse Twitter und Facebook bewusst links liegen. Und ich habe keine Angst vor dem Alleinsein, genieße es am Wochenende oft, bewusst nicht online zu gehen, bewusst nicht erreichbar zu sein, bewusst alleine spazieren zu gehen und ich liebe es, mein Handy dabei zu Hause zu lassen.

  4. Für einen Älteren faszinierend, zu lesen, was man heute unter „allein“ und „einsam“ verstehen kann.

    Bei Borchert hieß es noch:
    „Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich die meiste Angst habe: Mit mir selbst.“ (Die Hundeblume)

    Der altersheimreife Goethe sagte zu Familie und Freunden: Liebe Leutchen feiert schön! Es ist schön bei euch, aber was wäre, wenn ich meine Arbeit im Stich ließe (sehr frei aus der Erinnerung).

    Und Fontane berichtet von dem Gefangenen, der in 27 Jahren in der Steinplatte des Tisches eine tiefe Spur da hinterlassen hatte, wo er beim Herumlaufen mit dem Finger Kontakt mit der Platte gehalten hatte.

    Besten Dank für den Blogeintrag!

  5. […] eindrucksvoller Artikel von Daniel Rehn zum Alleinsein regte einen Kommentar von mir an, den ich hier ein wenig ergänzen und bei […]

  6. Wieder mal ein wunderbarer Beitrag und ein wichtiges Thema, Daniel!

    Ich älteres Semester kenne natürlich die Waltons und hab sie gerne gesehen.🙂

    Sich einsam und alleine fühlen: Das kann immer passieren: Wenn ich alleine bin. Wenn ich mit einem Menschen zusammen bin. Wenn ich auf einer Party bin oder im dicksten Faschingsgewimmel. Und das kann genauso passieren, wenn ich mit vielen followern/Kontakten/friends in den Social Media unterwegs bin. Oder eben nicht.

    Es ist ein Gefühl, keine objektivierbare Tatsache. Und es ist dann irgendwann meine eigene Entscheidung, wie ich damit umgehe. Ob ich mich in das Alleinsein und die Einsamkeit begebe, mich hineinfallen lasse, mich eine Zeitlang vielleicht sogar bewusst dort aufhalte. Oder ob ich mir Beistand suche, Unterstützung, Zusammensein, Nähe, ein offenes Ohr, einen offenen Arm und ein offenes Herz. Und irgendwie ist es dann auch meine Entscheidung, ob ich den Menschen neben mir oder auch den Menschen auf Twitter wirklich als Unterstützung, als echte Nähe empfinde oder nicht.
    „Echte“ Menschen zum Anfassen können mir unendliche Nähe und viel Halt geben – oder mich auch besonders einsam fühlen lassen oder verletzen. Genauso ist es meinem Empfinden nach auch mit meinen followern oder Kontakten in Social Media.

    Aktuelles Beispiel: Ich brauchte letzte Woche jede Menge Mut, um eine wichtige Mail abzuschicken, die eine wichtige berufliche Weiche stellen sollte. Und der verließ mich kurz mal ziemlich. Und da twitterte ich: „Werft mir bitte mal ne Portion Mut rüber“. Und ich war fast zu Tränen gerührt, wieviel Herzlichkeit, Aufmunterung, echte Hilfe, wirkliches an-mich-glauben kurz danach kam. Und dadurch hatte ich dann den Mut – und schickte die Mail ab.
    Nein, Social Media Kontakte sind FÜR MICH nicht kalt und unreal!

    Andererseits weiss ich genau aus Erfahrung (wie gesagt, älteres Semester…;-) …Waltons…), dass ich erstens immer wieder viel absolutes Alleinsein brauche. Da seh ich niemanden, da steck ich das Telefon aus und da bleibt der Rechner aus. Und es gibt auch Phasen der abgrundtiefen Einsamkeit … die aber auch sein müssen, um gestärkt daraus hervorzugehen, weil ich wieder etwas gelernt habe.

    Und diesen Gefühlen muss ich mich dann stellen, muss mich auf sie einlassen, mich ihnen stellen. Und da ist Social media manchmal eine zu große Ablenkung bzw. Flucht, die mich davon abhält, durch die Angst durchzugehen.

    Es kommt auf uns selbst an, wie wir damit umgehen. Ob wir ehrlich mit echten und virtuellen Kontakten umgehen, spüren, wann wir was von wem brauchen, ob wir ehrlich danach fragen können – real wie virtuell. Viele meiner Social Media Kontakte sind inzwischen auch im „echten“ Leben zu wichtigen Freunden geworden. Anführungszeichen deshalb, weil ich gar nicht so sehr unterscheide für mich. Social Media ist ein Teil meines Lebens. Es darf das Virtuelle nicht ersetzen, kanns aber wunderbar ergänzen und bereichern.

    Danke, Daniel für diesen Denkanstoß!
    Herzlichst, Bettina Stackelberg

  7. Ach ja – noch was vergessen:

    Mein Kollege Dr. Nico Rose hat zu diesem Thema auch einen nachdenkenswerten Blogbeitrag geschrieben: Digitale Amputation http://t.co/c1B9REWp

  8. Euch allen an dieser Stelle Dank für eure Kommentare. Ich bin im Moment etwas Land unter, um mich jedem einzelnen von euch zu widmen. Sobald ich die Luft dazu habe will ich versuchen auf eure Zeilen einzugehen.

    Wie gesagt, habt Dank.

  9. Es dürfte sogar schon Selbsthilfegruppen für Einsame geben – Stichwort „Talisund Stragegie“ – es gibt ein Büchlein dazu …

    Theo

  10. Michel de Montaigne (1533 – 1592) schreibt in seinen E S S A Y S über die Einsamkeit:
    »Zunächst wollen wir einmal die übliche langweilige Gegenüberstellung vom
    zurückgezogenen und vom tätigen Leben ganz beiseite lassen. »Wir sind nicht
    für unsere Einzelinteressen, sondern für die Allgemeinheit da«; dieser Spruch
    klingt sehr schön; Ehrgeiz und Habsucht decken damit ihre Blöße; aber wir
    wollen uns zunächst einmal die genau ansehen, die ihn die Praxis umsetzen.
    Diese mögen sich auf Herz und Nieren prüfen, ob nicht, im Gegensatz zu dem
    Sinn des schönen Spruchs, Stellung, Amt und berufliche Plackerei hauptsächlich
    erstrebt wird, um aus dem Dienst an der Allgemeinheit einen privaten Nutzen zu
    ziehen. Die üblen Mittel, die heutzutage angewendet werden, um Karriere zu
    machen, beweisen geradezu, daß keine ehrlichen Absichten dahinterstehen.
    Treibt uns der Ehrgeiz zur Einsamkeit? Die Antwort muß lauten: Ja! Denn
    was ist ihm mehr zuwider als Gemeinsamkeit?

  11. […] heute Nacht reinziehen werde. Doch das werde ich nicht allein tun. Wie ich jüngst schon schrieb, ist man im Grunde nur dann allein, wenn man sein Device komplett abstellt und sich abkapselt. Ein Event wie die Oscars hingegen ist nichts, was man alleine wahrnimmt. Da diskutiert man wie ein […]

  12. […] braucht man einfach. 1.092 Zugriffe sind Beweis genug. Bleibt noch Allein allein?: Über gefühlte Nähe (mit Social Media), der 832 Zugriffe für diesen kleinen philosophischen Exkurs mit sich brachte. Lehre daraus: Nach […]

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