Was Deutschrap und Kommunikation gemein haben: Ein Interview mit Jens Cornelißen

Es gibt keine andere Musikrichtung, die in den letzten Jahren so viel einstecken musste wie der deutschsprachige Sprechgesang. Das hatte nicht nur mit Fehltritten der üblichen verdächtigen Bushido und Sido oder auch Massiv und Haftbefehl zu tun, die ihr Image als Rüpel und harte Burschen im Boulevard pflegten und damit das Hauptaugenmerk von Talenten wie Cro oder Marteria wie auch alten Heroen im Sinne eines Moses Pelham ablenkten. Nein, gerade in der Kommunikationsbranche vergriffen sich leider viel zu viele Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit immer wieder am Sprechgesang.

In den Köpfen von Marketing- und Corporate-„Spezialisten“ klingt die Weisheit „Dieses Hip-Hop und Rap ist cool. Das müssen wir für unser nächstes HR-Video unbedingt machen“ in etwa genauso mit Nachhall wie „Dieses Internet ist ja doch superwichtig. Wir sollten jetzt ganz schnell in diese Social Media rein“. Das größte Problem der vermeintlichen „Straßenmusik“ aus deutschen Landen dabei: Man versteht sie im Gegensatz zu ihrem Pendant aus Übersee glockenklar.

Für einen Liebhaber wie mich, für den Grandmaster Flash, die Sugarhill Gang oder auch Torch und die Absoluten Beginner immer noch Götter sind, sind derlei Anflüge ein Graus. Rappende Praktikanten in Recruiting-Videos von Edeka, BMW und Sparda tun mir richtig weh. Wirklich. Nicht ohne Grund sage ich immer wieder „Finger weg vom Sprechgesang!“ und glaubte kaum daran, dass man professionelle Kommunikation und Rap miteinander verknüpfen könnte, wenn man von Geschäftemacherei einmal absieht, was auch nur wenige wirklich beherrschen (Zitat Jay-Z: „I’m not a businessman, I’m a business, man.“).

Umso erfreuter war ich, als ich schon vor einer ganzen Weile über meinen geschätzten Kollegen David Philippe dessen ehemaligen Kommilitonen Jens Cornelißen kennenlernte, der in seiner Abschlussarbeit unter dem Titel „Soziale Repräsentationen des deutschsprachigen Rap: Eine Kommunikationsform zwischen PR-Strategien, Präjudizen und Potenzialen“ einen genauen Blick auf den aktuellen Deutschrap warf. Noch besser wurde es aber, als ich Jens fragte, ob er Lust auf ein Interview hätte, um ein wenig mehr dazu zu erzählen.

Jens, für den lockeren Einstieg: Sei doch so nett und stelle dich einmal kurz vor.

Gern, Daniel. Ich bin 25 Jahre alt, komme ursprünglich aus dem Münsterland und habe den Bachelor des Kommunikationsmanagements an der Hochschule Osnabrück (Standort Lingen) studiert. Aktuell stehe ich kurz vor dem Ende meines Masterstudiums an der Universität Hohenheim (Stuttgart). Ich arbeite seit letztem Jahr als freier PR-Berater und studentischer Unternehmensberater. Besonders gefreut habe ich mich aber, dass ich meine große Liebe zum Deutschrap durch meine Bachelorarbeit mit dem ‚Job’ verbinden konnte.

Der Titel deiner Arbeit klingt erst einmal ganz schön sperrig. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen Deutschrap und Kommunikationsmanagement unter einen Hut bringen zu wollen und vor allem … warum?

Auf die Idee hat mich ein sehr einfacher Gedanke gebracht: Kommunikationsmanagement kann im deutschsprachigen Raum nur dann erfolgreich sein, wenn die deutsche Sprache in bestimmter Art und Weise angewendet wird. Das ist bei Rap genauso – auch hier ist die Art und Weise, wie die deutsche Sprache angewendet wird, entscheidend. Dann habe ich weiter überlegt: Wenn ein Rapper ein Konzert gibt, steht er auf seiner Bühne und muss für sein Publikum kommunizieren. Der PR-Berater steht vor seinem Kunden in gewissem Maße auch auf einer Bühne und muss für sein Publikum – eben für seinen Kunden – kommunizieren. Diese Parallelen haben mich fasziniert und da habe ich mich entschlossen empirisch zu untersuchen, ob es tatsächlich auch nachweisbare Parallelen zwischen Rap und Kommunikationsmanagement gibt. Und warum das Ganze: Ich bin der Meinung, dass Kommunikationsmanager viel von Rappern lernen können – und umgekehrt!

Und auf welche Ergebnisse bist du dabei gestoßen? Gibt es tatsächlich Parallelen zwischen der Straße und dem, was in Konferenz- und Arbeitszimmern von der Theorie in die Praxis umgesetzt werden soll?

Absolut. Ich habe Interviews mit verschiedenen Rappern geführt und sie zur Konzeptionspraxis des Kommunikationsmanagements befragt. Einige Rapper überlegen sich tatsächlich Kommunikationsziele, bevor sie ihre Texte schreiben und definieren eine Botschaft, die sie durch ihren Text an ihre Rezipienten kommunizieren wollen. Von Zielgruppen kann man da nicht direkt sprechen, allerdings wollen die Rapper schon in einer gewissen Rap-Sparte – z.B. Conscious Rap – wahrgenommen werden und richten daran auch ihre Sprache und Wortwahl aus. Das entspricht dem Positionierungsgedanken von Unternehmen im PR-Kontext. Natürlich gilt das nicht für alle Rapper und auch nicht für alle Interviewpartner. Aber Parallelen ließen sich definitiv ausmachen, was für die Kommunikationswissenschaft völlig neue Erkenntnisse sind.

Du hast deine Erkenntnisse aber auch in den Kontext unserer Gesellschaft gestellt. Wie kann man sich das vorstellen? Im Sinne von einer nach wie vor unterrepräsentierten Gruppe von Kommunikationsmenschen mit Migrationshintergrund, der im Deutschrap viel ausgeprägter ist?

Haha, nicht ganz. Ich habe neben dem PR-Schwerpunkt noch zwei weitere Aspekte untersucht: Zum einen habe ich mir die gesellschaftliche Meinungsbildung über Rap in Deutschland angeschaut. Das sind die im Titel genannten ‚sozialen Repräsentationen’, die sich im Laufe der Rap-Geschichte stark gewandelt haben und auch eng mit Vorurteilen –also ‚Präjudizen’ – verknüpft sind. Zum anderen habe ich die Leistungsfähigkeit von Rap – sprich ihre ‚Potenziale’ – untersucht und hier vor allem analysiert, inwiefern Rap auch als informeller Ort für Bildung wirken kann und inwieweit sich junge Leute auch Erziehung aus Rap-Texten holen können. Hier spielt der von dir bereits angesprochene Aspekt der sprachlichen Verständlichkeit der deutschsprachigen Texte für das nationale Publikum eine zentrale Rolle.

Okay. Lassen wir das erst einmal sacken und machen gleichermaßen einen Sprung Richtung Social Media, die bei vielen Rappern mittlerweile auch Eingang in ihre Texte finden. Ich denke da an „Whatsapper“ von MC Fitti oder auch die Texte von Edgar Wasser. Selbst auf Dendemanns Album „Vom Vintage verweht“ aus dem Jahr 2010 kann man den Song „Petze“ als erste Kritik am Lästern im Web verstehen. Inwiefern sind die sozialen Medien für die Musiker Thema?

Im Jahr 2013 sind sie ein großes Thema. Da gibt es neben den von dir genannten noch viel mehr Beispiele, z.B. „Das gefällt mir“ von F.R. oder viele Textzeilen von Casper wie etwa Vater des Hipster-Rap / folge meinem Instagram. Und Cro hast du ja selbst schon angesprochen, der auch mit nachdenklichen Texten teilweise im Radio läuft. Die Re-Popularisierung von Conscious Rap freut mich sehr und hat aus meiner Sicht massiv mit dem zu tun, was wir als Social Media bezeichnen.

Cros Popularität läuft viel über Facebook. Die Kampagne für das letzte Album von Samy Deluxe lief über viele einzelne „One Take Wonder“-Videos auf YouTube, Max Herre war mit seinem Video-Tourblog in den letzten Monaten äußerst erfolgreich. Der Ruhrpott-Rapper Umse, den ich übrigens auch im Rahmen meiner Arbeit interviewt habe, nutzt Facebook stark für Promotion-Zwecke, auch Urgesteine wie Aphroe von der legendären Ruhrpott-Formation RAG ist wieder aktiv und verlost Vinyls und Shirts über Facebook.

Und wie verhält es sich mit der Entwicklung der Sprache? Die 140 Zeichen bei Twitter sorgen ebenso für Wortneuschöpfungen wie damals schon die SMS und auch der Einfluss von Facebook und selbst Google+ greift mehr und mehr in unseren täglichen Sprachgebrauch ein, wenn Begriffe wie „Like“ oder „+1“ in manchen Altersgruppen ganz selbstverständlich fallen. Sorgen die technischen Veränderungen ähnlich wie der Rap dafür, dass Sprache eine neue, vielleicht auch andere Gewichtung bekommt?

Auf jeden Fall. Hip Hop hat als Jugendkultur einen sehr elaborierten Sprachcode, der sich längst in unserer Gesellschaft ausgebreitet hat. Sätze wie „Ich bin am Start“ oder „Was geht bei dir?“ nutzt heute gefühlt jeder, aber sie kommen originär aus dem Hip-Hop-Kontext. In Rap-Texten hängt es natürlich davon ab mit welchen Künstlern man sich beschäftigt.

Conscious-Rapper wie Torch, Aphroe oder Max Herre sind für mich die heutigen Dichter und Denker Deutschlands. Wer sich mit hochwertiger, zeitgenössischer Lyrik beschäftigen möchte, kommt aus meiner Sicht am Deutschrap nicht vorbei. Hier hat Rap auch eine bewahrende Funktion für die deutsche Sprache. Natürlich sieht es im Gangster- und Battle-Rap oft ganz anders aus …

Also könnte man auch gleichermaßen von einer Re-Oralisierung der Sprache sprechen, die sich im Web in Schriftform ihre Bahn bricht? Ich schlage nämlich vor allem beim Community Management mehr als einmal die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich sehe, wie die deutsche Sprache im Kommentarbereich gemessen am altbekannten Sprachbild teilweise massiv missbraucht wird und die Leute so schreiben, wie sie sprechen.

Ein interessanter Meilenstein war der Sprachwechsel im Rap Anfang der 90er-Jahre. Bis dahin haben die Deutschrap-Pioniere wie Torch und Toni-L noch auf Englisch getextet, eben orientiert an den amerikanischen Vorbildern. Als sie dann angefangen haben die Texte zu übersetzen, haben sie erst gemerkt, was die US-Rapper da eigentlich so erzählen und da war schnell klar, dass das in der eigenen Muttersprache ziemlich unangenehm ist.

Etwa ab Mitte der 90er fing die Neue Schule um Dendemann, die Beginner und Freundeskreis dann an Deutschrap zu professionalisieren, indem sie sich größte Mühe gaben, diese unangenehmen sprachlichen Momente so wenig wie möglich aufkommen zu lassen. Dafür musste Rap, was Wortwahl und Satzbau anging, auf ein völlig neues Niveau gehoben werden.

Dieser Prozess ist meiner Meinung nach auch der Grundstein, auf dem heute der Erfolg von Künstlern wie Silbermond oder Tim Bendzko beruht, die ja auch auf Deutsch texten. Daher beinhaltet Rap ein riesiges Potenzial ein Gegengewicht zu dieser „Vergewaltigung der Sprache“ zu liefern, wie du es genannt hast. Allerdings gibt es natürlich viele Rapper, die dieses Potenzial nicht nutzen, das muss man ganz klar sagen.

Abschließende Frage: Wie sehr blutet dir das Herz, wenn du die Clips von Unternehmen wie BMW, Edeka oder auch der Sparda siehst, die sich am Sprechgesang vergehen?

Sagen wir so: Ich gebe mir Mühe das eher als Entertainment zu sehen. Aber natürlich ist das sehr unangenehm und es hilft weder der einen noch der anderen Seite. Die Unternehmen blamieren sich in der jungen Zielgruppe und die Vorurteile über Rap-Musik in Deutschland bekommen kontinuierlich weiteres Futter.

Jens, hab vielen Dank für deine Zeit und das Interview. Es war mir eine Freude.

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Wer mehr über das Thema wissen möchte, Jens’ Abschlussarbeit „Soziale Repräsentationen des deutschsprachigen Rap: Eine Kommunikationsform zwischen PR-Strategien, Präjudizen und Potenzialen“ ist im Dezember 2012 im Lit Verlag erschienen und kann auf Amazon als broschiertes Werk erworben werden. In der Kurzzusammenfassung heißt es dazu:

Diese Arbeit setzt sich mit deutschsprachigem Rap – dem sprachlich-musikalischen Element der HipHop-Kultur – auseinander und liefert dabei interdisziplinäre Erkenntnisse für Soziologie, Kommunikations- und Kulturwissenschaft. Erstmals werden Parallelen zwischen der Praxis des Kommunikationsmanagements und der Praxis des Rap untersucht und in den Kontext unserer Gesellschaft gestellt. Durch Interviews mit Rap-Künstlern betrachtet diese Arbeit Deutschrap vor seinem geschichtlichen Hintergrund als Kommunikationsform mit Blick auf seine Funktionsweise, öffentliche Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit.

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