„Arbeitest du auch mal was, wenn du nur unterwegs bist?“: Über Präsenz am Arbeitsplatz

Really

Kurz vorweg der Hinweis, dass dieser Beitrag über einen Monat unversehens in meiner Schublade kag. Ehe man fragt: Ich hatte keinen konkreten persönlichen Anlass, das Thema damals anzupacken. Selbst jetzt habe ich keinen. Aber ich will es trotzdem mal gesagt haben.

Manchmal fühlt man sich wie der einzige Normale unter einem Haufen Clowns. Manchmal ist man auch nur der Nerd unter vielen noch bunteren Vögeln. Oder aber man ist stiller Beobachter und fragt sich, was so furchtbar schief zu laufen scheint, dass andere sich eben so fühlen oder aufführen.

Die letzten Wochen war ich eben so ein stiller Beobachter. Zwischen all den vielen Menschen, die auf der re:publica in Berlin, bei Meet-Ups unter Freunden oder aber an ihren Arbeitsplätzen angeregt über das Netz, ihr Leben oder aber das Wetter diskutierten, sah und sehe ich immer wieder Freunde und Fremde, die emsig in ihre Laptops hämmern oder Smartphones zum Checken der beruflichen Mails zücken oder tatsächlich auch damit telefonieren. Während der #rp13 entschwanden nicht wenige gar mit der Aussage, sie müssten im Hotel noch arbeiten, für ein paar Stunden vom regen Treiben. Nicht selten mit einem Blick, der sagte, man würde lieber bleiben und den kreativen Input aufsaugen und Neues lernen.

So verfasste ich noch am zweiten Tag den folgenden Tweet:

Denn es ist wirklich so. Es stimmt mich traurig zu sehen und dann auch aus Gesprächen zu hören, dass der Besuch der wichtigsten deutschen Konferenz für das Digitale nur bei wenigen in der (digitalen!) Kommunikation Tätigen als Fortbildung oder aber als für den Beruf von Bedeutung galt oder auch weiterhin gelten wird.

Sitzfleisch schlägt Freigeist

Was ich aus den Gesprächen heraus aber auch hörte, ist ein Unterton, der bei einigen schon beinahe wie ein Vorwurf an sich selbst klang, dass man überhaupt vor Ort und nicht am Schreibtisch sei. Was die Kollegen denken würden, wenn man „drei Tage nur facebookt und twittert“ oder aber „ob der/die denn wirklich arbeitet“. Bei derlei Ansagen schüttelt es mich. Es schüttelt mich vor Entsetzen, dass eine „Wenn ich dich nicht am Arbeitsplatz sehe, dann arbeitest du doch sicher nicht“-Denke immer noch so weit verbreitet ist. Dass Präsenz am Schreibtisch mit Leistung gleichgesetzt wird. Dass das Sitzfleisch in diesem Vergleich einen freien Geist, der einfach seine Einflüsse von außen benötigt, immer schlagen wird.

Schlimmer noch: All jene, die sich Arbeit sogar noch mit nach Hause nehmen, um vielleicht noch ein wenig vom Tag zu haben, aber trotzdem ihre Pflicht tun wollen, werden schief angesehen, wenn sie um 18 oder 19 Uhr ihren Platz verlassen. Jörn-Hendrik schrieb jüngst ganz treffend über den Wahnsinn der Überstunde. Für Einsatzbereitschaft gilt dann „Nur was im Büro passiert, das bleibt im Büro“. Gleichwohl zählt auch Lob dazu. Die Arbeit von der Couch, weil man von verdammt nocheins überall mit Netzempfang ein Gros seiner Aufgaben mittlerweile problemlos erledigen kann, zählt dann nicht.

Es braucht Vertrauen, das man sich verdienen (dürfen) muss

„Aber woher weiß ich denn, ob du auch wirklich was arbeitest, wenn du nicht da bist?“ ist als Frage ein Klassiker in diesen Gesprächen. Die einfache Antwort: gar nicht. Das sieht man erst, wenn am nächsten Tag oder zur Deadline die abgemachten Ergebnisse (nicht) vorliegen. Bis dato braucht es Vertrauen. Hat man genügend Vertrauen, um das zuzulassen? Oder anders gefragt: Gibt es einen wirklich triftigen Aspekt, um jemanden am Platz zu halten? Kontrollzwang sollte kein Grund dafür sein. Wichtige Absprachen, die auf einem kurzen Weg oder auch Zuruf über den Tisch geschehen können – okay, das kann man anführen. Ich kann aber auch den ganzen Tag am Platz sitzen und Katzenvideos ansehen. Das macht eine solche Argumentationskette nicht überzeugender.

In einem großen Büro rufen die Kollegen aber auch gerne mal an, statt zwei Tische weiter auf die andere Seite des Raums zu gehen. In diesem Momenten spielt es für mich persönlich dann keine Rolle mehr, wer wo sitzt. Da kann es auch ein Platz im Home Office sein und ich bemühe Skype oder eben das Telefon.

„Arbeiten Sie am Band?“ – „Nein. Ich darf schon frei rumlaufen.“

In kleinen Schritten vom Platz entfernen

Ich habe zum Beispiel sehr gute Erfahrungen damit gesammelt mich in kleinen Schritten von meinem festen Platz zu entfernen. In München setzte ich mich zuweilen in den Konferenzraum, wenn er nicht gebraucht wurde, um dort zu arbeiten. Für kreative Arbeiten verzog ich mich bei gutem Wetter ein paar Mal auch auf die Dachterrasse, nachdem ich das Telefon umgeleitet und die Kollegen informiert hatte. Ich war nicht da und doch. Vor allem hatte ich aber meine Ruhe. Nun in Hamburg das gleiche Spiel. Nachdem die neuen Kollegen wussten wer ich bin, wie ich aussehe und auf welche Ecke ich normalerweise gehöre, wandere ich mit meinem Laptop immer wieder einmal und tauche an anderen Plätzen auf, um zu schreiben und Ideen zu entwickeln.

Ich mag diese Wechsel der Perspektive und der Umgebung. Es stimuliert meine Denkmaschinerie. Die einen brauchen das immergleiche Umfeld, um zu funktionieren. Ich die Abwechslung. Sitze ich zum Beispiel im Lounge-Bereich bei den Kollegen aus der Werbung, dann kann ich dort (mit Musik auf den kopfhörerbedeckten Ohren) ungestörter arbeiten, denn am Platz. Am Platz zu sitzen bedeutet oftmals für andere auch die Einladung, um sich neben dich zu stellen und „nur mal kurz“ etwas zu fragen oder besprechen zu wollen. Ein Telefonanruf ist nicht weniger disruptiv, um alles stehen und liegen lassen zu müssen, woran man gerade arbeitet. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich auf Zugfahrten am produktivsten arbeiten kann.

Ich kann verstehen, dass sich viele wohler damit fühlen, wenn sie a) eine klare Trennung zwischen Arbeitsplatz und Heim haben, b) ihre Kollegen um sich herum wissen oder c) noch nicht eigenständig genug arbeiten können, um mit gutem Gewissen von zu Hause zu arbeiten.

Aber warum sollte man es nicht auch einmal für die Kategorie c) auf einen Versuch ankommen lassen? Wenn es Zeit und Auftragslage erlauben, ohne ein Projekt zu gefährden, dann kann es auch ein großes und wichtiges Zeichen in Richtung des Angestellten sein, dass man ihm das Vertrauen entgegenbringt und die Fähigkeit zuspricht, Dinge auch ohne Aufpasser alleine regeln zu können.

Zu wissen, dass man sich bei Bedarf auch darauf berufen kann, hilft mir zum Beispiel sehr, um einzuschätzen, was wann und wie am sinnvollsten erledigt werden kann und muss. Und wenn ich Ruhe brauche, um gut zu arbeiten, dann ist sie greifbar.

Ist meine Arbeit getan, kehre ich an meinen Platz zurück. Und es fühlt sich immer gut an.

photo credit: kennymatic via photopin cc

6 Kommentare

  1. Bei schönem Wetter, vom eigenen Balkon aus arbeiten, ist mir das Liebste – und wir mir auch ermöglicht. Leider passt das Wetter nicht immer, doch ich mag es trotzdem von zu Hause arbeiten zu können, was ich mehrmals die Woche auch mache. Was ich Deinen Gedankengängen hinzufügen möchte ist, dass Vertrauen nicht eingefordert werden kann, sondern sich entwickeln muss. Vorgesetzte sind auch nur Menschen, genauso wie andere Kollegen. Ich fing ähnlich an wie Du: Arbeiten von eine je dem Platz aus, dann mal einen halben Tag von zu Hause aus und immer mit einem Versprechen, eine bestimmte Aufgabe erledigen zu wollen. Nicht ganz nachvollziehen kann ich den Abschnitt, warum man sich während einer Veranstaltung sich nicht mal für die Arbeit zurückziehen sollte. Andere Teammitglieder warten vielleicht auf etwas um weiter machen zu können. Oder ein Kunde benötigt Hilfe. Willst du sie wg einer Veranstaltung hängen lassen? Drei Tage können lang und entscheidend sein. Eine gute Mischung, von Netzwerken und Alltagsgeschäft ist für mich persönlich ein guter Weg – und schenkt mir weiterhin das Vertrauen von Kollegen und Vorgesetzten, was unser aller Vorteil ist.

  2. In Teilen sehe ich das ganz genauso: Als ich unlängst für Berufebilder meinen Alltag wirklich mal aufgeschrieben habe – und Dinge wie Weiterbildung, Barcamps usw. bewusst ausgeklammert habe – gab es zwei Reaktionen:

    1. „Oh mein Gott wie kannst du nur?“

    2. „So sieht das also bei dir aus.“

    Wenn ich sage, dass ich in meinem Auto „lebe“, dann ist das für mich kein negativer Zustand: Die wichtigsten Dinge, die Heimat früher bedeuteten, habe ich dank Mac, Handy und Social Media immer dabei. Für alles Andere sorgen bekannte Dinge wie zB stets eigene Decke mit frisch gewaschenem Bezug + Kopfkissen dabei.

    Was also für den Einen die Hölle ist, das ist für mich pure Erfüllung: Ich arbeite dort mit den Dingen, wo es mir gut geht. Damit bin ich auch in der Lage lange Arbeitstage mit einer viel entspannteren Einstellung zu überstehen als ich es zB zuvor konnte:

    Arbeit kann glücklich machen, wenn man sie sich richtig organisiert.

  3. Guter Beitrag, kann ich alles voll unterschreiben. Ist doch egal wo jemand arbeitet, solange er arbeitet. Und wenn jemand im Kino am besten arbeiten kann, dann soll er sich bitte so oft wie möglich ins Kino anstatt an den Schreibtisch setzen.

    Dazu fällt mir noch eine ähnliche Einstellung ein: Je länger jemand im Büro ist, desto mehr arbeitet/schafft er. Auch so ien Blödsinn. Manche schaffen in 3 Stunden mehr als andere in 6. Und manche arbeiten zwar immer 10 Stunden am Tag, schauen sich aber 3 davon Youtube Videos an während ein anderer nur 7 Stunden da ist, dafür aber konzentriert durcharbeitet.
    Also es ist nicht wichtig wo jemand arbeitet oder wie lange, sondern nur welches Ergebnis am Ende rauskommt. Ob sich die Einstellung irgendwann mal durchsetzt, bezweifle ich aber..

  4. Und? Wie viele Tage waren von achtung frei und wie viele Urlaub bei der #rp13? Und „frei“ gleichzusetzen mit erreichbar und arbeitend? Glaube ja kaum, dass sich da etwas geändert hat zum Vorjahr…

    1. Die drei Tage zählten für mich als Fortbildung unter Erstattung aller anfallenden Kosten. Arbeiten musste ich in der Zeit keine drei Stunden, wobei sich auch das unter freier Einteilung meinerseits auf die frühen Morgenstunden reduzierte.

      Aber, so offen bin ich, das war der Deal, den ich für mich ausgehandelt habe. Ich kann nicht für andere sprechen.

  5. […] Prozent der unwissenden 60 Prozent wussten aber, dass es irgendetwas mit Suchmaschinen zu tun hat, auch wenn sie die genaue Bezeichnung der drei Buchstaben nicht in Verbindung bringen konnten. 23 Prozent […]

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