Into the Wild: Das Paradies Internet ist zum Reservat geworden – Mein Rückblick auf eine nicht ganz so unbekümmerte #rp14

johnny

Wo ist nur die Zeit geblieben? Diese Woche? Die re:publica? Ihre Unbekümmertheit? All diese Fragen und noch mehr treiben mich in den letzten Tagen um. Drei Tage digitales Klassentreffen reichen nicht aus, um alles zu verstehen. Jedoch, um zu verstehen, dass im Jahr eins nach den NSA-Enthüllungen durch Snowden viel geschehen ist und noch viel mehr geschehen muss. Und auch jetzt sind noch nicht alle Gedanken geordnet, da sich so viele Blickwinkel verändert haben.

Aufruf aus der Filterbubble: Das Netz zurückzuholen – aber von wem und woher?

Sascha Lobo forderte in seinem viel beschriebenen und beachteten Rüffel an die digitale Gemeinde, dass wir uns nicht aufreiben würden, nicht den Kampf um das Netz an allen Fronten angehen würden, um wirklich dafür zu sorgen, dass dieses Netz „unser Netz“ bleibt. Nur – es war nie „unser Netz“. Zumindest nicht in meinem Verständnis.

Es war seit jeher das Netz der Unternehmen. Unternehmen, die nun noch mehr Geld aus den Glasfaserkabeln pressen zu wollen, während die Regierungen und ihre Sicherheitsdienste in einer seit 9/11 anhaltenden Paranoia im Kampf gegen den Terror und aus Angst vor der eigenen Bevölkerung noch mehr Daten über jeden Bürger sammeln, analysieren und so jedwede Form von Privatsphäre aushöhlen wollen.

Vom Verlust der Unbekümmertheit

Netzneutralität, Privatsphäre, Snowden, … Die Themen, die seit Sommer letzten Jahres die Nachrichten so regelmäßig dominieren, dass sie zum Grundrauschen verkommen sind, aber außerhalb unserer Filterbubble kaum auf Aufmerksamkeit stoßen, waren in fast jedem zweiten Beitrag spürbar. Sie waren das spürbare Damokles-Schwert, das in den Köpfen vieler über dem kostbaren Gut Internet schwebt. Selbst in der Session zu Lifestyle-Bloggern versuchte man den ganz großen Bogen zu spannen, da sie es schließlich seien, die für sich den Begriff „Privatsphäre“ mit dem Blick in Küche, Wohn- und Schlafzimmer als eigentlich Intimstes neu definieren würden.

So viel auch gelacht, sich umarmt und freudig ausgetauscht wurde, die re:publica hat in diesem Jahr ihre Unbekümmertheit verloren. „Into the wild“ war das Motto. Doch seine wilde Schönheit hat das Netz schon lange eingebüßt. Wir entdecken zwar fast täglich neue Services und Ideen wie unbekannte Spezies im Dickicht des Amazonas. Doch es fehlt der Reiz des Abenteuers.

Vom Paradies zum Reservat ohne Ranger?

In dem Glauben alles gesehen zu haben ist das Unbekannte nicht mehr gänzlich unbekannt. Es wird als selbstverständlich wahrgenommen und wird mit einem Mal zu einem schützenswerten Raum. Das World Wide Web ist plötzlich ein Reservat, in dem so manches Grundrecht schlagartig zur bedrohten Art geworden ist, seit wir wissen wie NSA und Co. über Jahre hinweg diesen, unseren Lebensraum ungesehen beschnitten oder gar abgeholzt haben.

Über 5.000 Teilnehmer sollen vor Ort gewesen sein. Es können problemlos auch mehr gewesen sein. Und trotzdem reichen wir 5.000 nicht aus, um als Ranger auf das Internet aufzupassen. Das Reservat ist zu groß und die Bedrohungen zu vielfältig, um sie überhaupt als solche zu erkennen. Aber deshalb aufgeben?

Wir wissen nicht einmal, wo wir anfangen sollen

Wir müssen etwas tun. Darin sind sich alle einig. Und doch diskutieren wir auf zu vielen verschiedenen Ebenen des Verständnisses. Aus zu vielen Perspektiven, die gar nicht alle das gleiche Ziel haben können. Einerseits wollen wir die digitale Welt und das Netz retten, andererseits finde ich mich durch meinen Job bedingt in einem Panel wieder, in dem man immer noch darüber diskutieren muss, dass anständige Arbeit und getätigter Aufwand von Blogger auch entsprechend entlohnt gehören.

Bestes Beispiel dafür: Die vielen Tweets und Facebook-Updates am Freitag nach der re:publica. Sie zeugen von der üblichen Post-Klassentreffen-Depression über einen Kulturschock bis hin zum kalten Entzug der Dosis Digitales, da man sich plötzlich wieder am Arbeitsplatz oder der doch recht analogen Welt „da draußen“ wiederfindet.

Einer Welt, in der man immer noch Menschen damit beeindrucken kann, dass man sein Zugticket per App ordern und später digital auf dem Smartphone vorzeigen kann, während dem Zugbegleiter der Wechsel von Zange zum Abknipsen auf das Hand-Terminal zum Abscannen einen solchen Mehraufwand bereitet, dass man sich fast schon schlecht fühlt nicht doch einen gedruckten Fahrschein mitzuführen. So geschehen, als ich auf dem Weg ins Wochenende war.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ganz ehrlich – ich weiß es nicht. Ich bin kein Netzaktivist. Netzpolitik verfolge ich aufmerksam, aber ich gestalte sie nicht mit. Nicht im Kleinen und schon gar nicht im Großen. Ich leiste meinen Bruchteil darin, dass ich anderen im Beruf wie im Privaten das Netz zu erklären versuche. Allerdings weiß ich auch, dass dies die „User“ nicht im Mark treffen wird, weil sie die Technik als gegeben verstehen. Weil die mediale Großberichterstattung aus einer Datenkrake mehr Nachrichtenwert holen kann, statt die kleinen Dinge des technischen Fortschrittes mitsamt ihren Möglichkeiten nicht als Bedrohung des Status Quo zu empfinden.

Ich weiß nur, dass wir nun genau ein Jahr Zeit haben, um etwas zu tun, ehe „Oberlehrer“ Lobo sich wieder vor die Klasse stellt und uns wissen lässt, dass wir Digitalos nun eine bedrohte Art sind.

5 Kommentare

  1. Die Frage mit dem „Wo wir anfangen“ habe ich mir auch schon gestellt und da ich auch nicht wirklich aktiv mitgestalten will und kann, werde ich mich evtl auf’s Geld sammeln „reduzieren“. Es muss jedenfalls etwas passieren.

    LG

  2. […] Daniel Rehn sieht die gesamte von Lobo befeuerte Diskussion um „unser Netz“ aus einem anderen Blickwinkel: Es sei nie „unser Netz“ gewesen. Von jeher sei es das Netz von Unternehmen gewesen, nicht das Netz der Nutzer. Der Idealismus des Netzes ist bei Rehn zumindest fragwürdig, obgleich er überhaupt nicht bestreitet, dass Grundrechte fatalerweise beschnitten werden durch Bespitzelungen. Die große Idee eines freien Netzes hat eine andere Seite für den, der durch Bloggen sein Geld verdient. Hier ist von vorneherein ein gewisser Pragmatismus im Spiel. Man könnte das auch als „Erdung“ bezeichnen, wie es Christian Spließ auf Nur mein Standpunkt tut. Spließ betont, wie sehr die gesamte Diskussion die Diskussion innerhalb einer Blase sei. Außerhalb werde Sascha Lobo kaum wahrgenommen. […]

  3. […] Daniel Rehn – Das Paradies Internet ist zum Reservat geworden […]

  4. […] Into the Wild: Das Paradies Internet ist zum Reservat geworden (Rückblick von Daniel Rehn auf die #rp14) […]

  5. […] einen Nachschlag zur re:publica gibt es auch: Into the Wild: Das Paradies Internet ist zum Reservat geworden – Mein Rückblick auf eine nicht g… FreizeitCARD: grenzübergreifende Ausflugserlebnisse Die Post re:publica Depression. Und ein paar […]

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