Warum ich Foursquare und Swarm noch nicht abschreibe

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Viel wurde in den letzten Tagen und Wochen geschrieben. Darüber, dass sich Foursquare mit der Trennung in zwei Apps und Swarm als dessen Ergebnis selbst gekillt habe. Darüber, dass sich so viele Nutzer nun abwenden und sich lieber etwas anderes suchen wollen. Über potentielle (Unsinns-)Nachfolger und so weiter und so fort. Und doch, ich will weder Foursquare noch Swarm ganz abschreiben.

Vom Spielzeug zum nützlichen Begleiter

Vor etwa zwei Wochen hatte ich mein vierjähriges Jubiläum mit Foursquare. Das sind knapp 6.600 Check-Ins, 78 Bagdes und immer noch 27 aktuelle Mayor-Titel, die ich in diesen vier Jahren zusammengetragen habe. Als ich diese Zahlen so sah, begann ich noch einmal darüber nachzudenken, was genau den Reiz der App für mich ausmachte.

Zu Anfang war es Spieltrieb pur. Ellenlange Rallyes auf dem Weg zum Mayor meiner Münchner Lieblingsbar oder meiner Agentur. Dieses permanente Kabbeln mit Freunden um die Spitzenposition. Dazu die Jagd nach Badges. Das hat mich immer gereizt.

Selbst heute, vier Jahre später, bin ich immer noch ein Spielkind. Trotzdem nutze ich Foursquare mittlerweile anders. Unterwegs und vor allem in fremden Städten dient es mir immer mehr als allwissender Reiseführer und Szenekenner. Die Tipps und Empfehlungen sind für mich an Orten, die ich noch nie oder nur selten besuchte, so wertvoll wie selten zuvor. Aber wer dort dann Mayor ist, das juckt mich nun überhaupt nicht mehr, weil ich als einmaliger Besucher eh keine Chance auf den Titel habe.

Abnutzungserscheinungen bei Gamification und Socializing

Was mich mit dem mangelnden Interesse an Mayorship-Rallyes aber am meisten am alten Foursquare ärgerte, waren die Abnutzungserscheinungen bei den Badges. Mit Ausnahme von „Gym Rat“ habe ich alle für Deutschland verfügbaren Basis-Badges erreicht. Bleiben die Expertise-Badges, die sich ab Level 10 aber auch nicht weiterentwickeln. In der Zwischenzeit blieben nur neidische Blicke in andere Länder, weil sich Unternehmen die abertausende Dollar aus den Rippen schnitten, um Special-Badges ins Spiel zu werfen. Hierzulande wartete man vergeblich auf sowas.

Selbst die Möglichkeit gezielter Goodies fand man außerhalb der Gastronomie eher selten. Mit Ausnahme einiger weniger Lokale oder eben Vapiano* als größter Kette gab es kaum andere Unternehmen oder Marken, die ernsthaft versucht haben das alte Foursquare zur Kundenbindung und Co. zu nutzen.

Bleibt die Funktion, welche meiner Freunde tatsächlich in der Nähe oder sonstwo auf der Welt sind. Der kalkulierbare Zufall, sich doch noch über den Weg zu laufen, klang immer verlockend, aber ich habe ihn tatsächlich nur ein einziges Mal wirklich genutzt. Wenn ich auf einer Geschäftsreise mit den zwei Stunden Puffer, ehe der nächste Zug oder Flieger geht, wirklich ein Treffen arrangieren wollte oder will, so frage ich eher via Twitter oder Facebook nach, wer Zeit hat.

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Die Trennung der Apps als Neustart

Wer aufmerksam mitgelesen hat, merkt: Verdammt noch eins, dieses Verhalten spiegelt ja tatsächlich einen bzw. die zwei Nutzertypen wieder, mit denen Foursquare die Trennung der Apps gerechtfertigt hat.

Natürlich kann ich meine vielen Freunde, Bekannte und Check-In-Dienst-Verfechter wie Daniel verstehen, die sich mit der Auftrennung in Swarm und der Fokussierung Foursquares auf Empfehlungsmanagement vor den Kopf gestossen fühlen. Ich selbst empfand den Schritt lange Zeit auch als unnötig und in der tatsächlichen Umsetzung hätte man sicher sehr vieles eleganter lösen können. Aber unter der Prämisse, dass man sich in einer Übergangsphase befindet, sollte man Foursquare und Swarm vielleicht noch nicht sofort in die Tonne treten. Auch wenn ich es sehr gut nachvollziehen kann.

In der allgemeinen Aufregung über das neue Foursquare-Logo, die wohl noch größer ist als der Ärger über die Auftrennung, haben einige wohl übersehen, was die App in Zukunft bringen soll und welche Ansätze man bei Swarm noch so verfolgt.

Innerhalb des alten Foursquare wäre diese Art Neustart meiner Meinung nach so gut wie unmöglich gewesen. Auch sonst kann man nicht alle 50 Millionen User zugleich glücklich machen. Das wäre ja noch schöner.

Bestes Beispiel ist der Wechsel von Badges zu Stickern. Alle haben den Verlust der Badges betrauert. Schaue ich aber in meinen Stream bei Swarm, dann hat jeder dritte Check-In einen Sticker, der einen sofort sichtbaren Kontext zum Check-In setzt. Und es soll ja noch viel mehr passieren, wenn man sich die Ankündigungen zu Swarm genau anschaut. Ebenso greift man das große Echo an Feedback auf und justiert laufend nach.

Von daher gebe ich beiden Apps noch eine Chance, auch wenn insbesondere Foursquare nicht mehr das schöne Spielzeug ist, das es einst war. Allerdings kann der beständige „Das dürft ihr nicht verändern, das ist meins“-Reflex, der bei jedem größerem Wandel greift, nicht so bestimmend sein, dass man beständig auf der Stelle tritt. Manchmal muss man das Alte auch einfach loslassen, um das Neue mit offenen Armen empfangen zu können.

Edit (28. Juli 2014, 14:50 Uhr): Via Twitter bin ich eben auch auf einen feinen Beitrag von Tabea Wilke aufmerksam gemacht worden, die Swarm ebenfalls noch nicht abgeschrieben hat. In ihren Ausführungen zu „Was uns unsere Daten wert sind“ geht sie wunderbar auf die Welle der „Aus-Checker“ ein und hinterfragt, welche Schmerzgrenzen eine App wie Foursquare in puncto Datenschutz und Privatsphäre tatsächlich dermaßen beugen konnte, dass wir ihr nun so nachtrauern.


Disclosure: * Vapiano gehört zu meinem Kundenstamm und wurde in der Vergangenheit gerne als Vorzeigebeispiel für den hiesigen Einsatz von Foursquare genannt. Ich persönlich trage an der Foursquare-Strategie aber nur einen kleinen Anteil. Die wurde bereits aufgesetzt, noch ehe ich zu achtung! kam.

6 Kommentare

  1. Danke für den Blogbeitrag.

    Dass hierzulande kaum Unternehmen foursquare nutzen ist in meiner Sicht allerdings auch ein wenig hausgemacht.

    Ein Kumpel von mir (Ponyhof Artclub) wollte sich als Inhaber registrieren und wartet (seit 1,5 Jahren) vergebens auf die Freischaltung.

    So wie ich es mitbekommen habe war er da nicht ganz allein…

    1. Foursquare hat es meiner Meinung nach an mehreren Stellen versäumt, sich um lokale Märkte zu kümmern, die nicht im primär englischsprachigen Raum liegen. Im Grunde hätten sie mit lokalen Community Managern, wie Yelp! sie seit letztem Jahr zu installieren versucht, viel schneller Kontakte aufbauen und Prozesse verkürzen können.

      So muss man aber die enorm aufwändigen Wege gehen, die im normalen Tagesgeschäft aber keinen Platz haben oder zu viele Ressourcen fressen, um immer wieder nachzuhaken. Nach dem zweiten oder dritten erfolglosen Nachfassen in den Staaten hat man einfach keinen Bock mehr, was ich nur zu gut verstehen kann.

      Partnerprogramme wären ebenso eine Option gewesen, um starke und bekannte Marken ins Foursquare-Boot zu holen. Und da wiederhole ich mich seit Jahren: Wenn man es schon anno 2010/11 verstanden hätte C&A oder H&M in einer deutschlandweiten Kampagne als Partner zu gewinnen und bei einem Check-In ähnlich wie GAP in den Staaten 10 Prozent Rabatt auf den Einkauf zu gewähren, Foursquare wäre durch die Decke gegangen.

      So hat man es aber komplett verpasst sich darum zu kümmern, was sich auch in einer mangelnden Akzeptanz oder auch Berücksichtigung von Unternehmen und Marken erklärt.

  2. Ich habe Foursquare auch bereits gelöscht (und darüber gebloggt: http://www.senSATZionell.blogspot.com/2014/07/foursquare-hiermit-trete-47-mal-als-buergermeister-zurueck.html) und bekomme die heftigsten Online- und Offline-Kommentare auf einen Blogpost aller Zeiten von mir. Vielleicht so etwas wie eine enttäuschte Liebe?

    1. Ich glaube, dass du es mit enttäuschter Liebe ganz gut beschreibst. Viele haben über die Jahre unzählige Stunden in Check-Ins und Co. gesteckt und nun soll alles vorbei sein? Vielleicht ist es auch nur eine Beziehungspause … aber wir wissen ja, wie die in der Regel enden.

  3. […] Und Daniel hat noch Hoffnung: Warum ich Foursquare und Swarm noch nicht abschreibe […]

  4. […] mit dem eigenen Freundeskreis. Zwei Entscheidungen, die auf wenig Gegenliebe stießen. Diejenigen, die trotzdem an beiden Apps festhielten, können sich nun freuen: Foursquare hat ein Einsehen und bringt auf Swarm die Mayorships […]

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