Rückblick auf den #SMCHH zum Thema Scheitern: Ausprobieren. Scheitern. Lernen.

Vergangene Woche hatte ich das Vergnügen beim Social Media Club Hamburg über ein Thema zu sprechen, das mich schon lange umtreibt: das Scheitern. Es wird selten ehrlich darüber gesprochen, obwohl man viel davon erzählt und noch mehr hört. In den Medien sind die Geschichten von Gründern mit Fehlschlägen und darauf folgenden Comebacks gern gesehen und kein Bahnhofskiosk kommt heute ohne eine Vielzahl von Büchern zum Thema aus. Nur, was lernt man daraus?

Ausprobieren. Scheitern. Lernen.

An diesem Abend durfte ich die Anwesenden mit einem kleinen Impulsvortrag auf die folgenden gut 90 Minuten einstimmen. Meine Slides waren das schmucke Beiwerk zu einem Abend, der sich sehr viel eher im kleinen, persönlichen Rahmen bewegte, anstatt sich weiter mit Michael Jordan, Marissa Mayer oder Mark Zuckerberg zu befassen – auch wenn es beruhigt zu wissen, dass auch sie ihre Misserfolge hatten.

Nein, der spannende Part war das offene Gespräch zwischen Jörn Hendrik Ast, mir und dem Plenum, das sich in der Folge entwickeln sollte. Jörn hat seine ganz eigene Geschichte. Er ist gescheitert. Das sagt er ganz offen und hat dieses Kapitel auch für jeden nachlesbar verarbeitet. Mehr noch, er hat später daraus seine Lehren gezogen und plädiert seitdem für mehr Mut – zum Ausprobieren, zum möglichen Scheitern und viel eher noch zum Lernen.

Was ist das eigentlich, Scheitern?

Scheitern ist nichts, was in das Verständnis der hiesigen Arbeitswelt passt. Je geradliniger ein Lebenslauf ist, umso besser scheint es. Jede Kante, der Schlenker in der eigenen Biographie ist ein Grund zur Argwohn. Ein Versagen, womöglich sogar im größeren Ausmaß, wird zum Stigma, das man kaum mehr los wird. Das ist allen Beteuerungen zum gelebten Scheitern zum Trotz immer noch der Status Quo.

Aber, was ist Scheitern genau? In seinem ursprünglichen Sinn ist es ein Begriff aus der Seefahrt. Ein Zerschellen des Schiffs bis hin zum Brechen des Mastes, dessen Holz sich Scheit für Scheit auf dem Deck türmt. Kurzum, eine lebensbedrohliche Situation, die auf einen Fehler des verantwortlichen Navigators und/oder Kapitäns zurückzuführen ist. Kein Wunder, das man in einer Hansestadt mit so ruhmreicher Vergangenheit als Seefahrerhochburg nicht darüber spricht, möchte man meinen.

Jörn Hendrik hat das im übertragenen Sinne er- und überlebt. Die kritische Phase, als er seinen Netzwerkpartnern nicht mehr geben konnte, was sie brauchten. Als er selbst sich erst einmal zurückzog und sein (berufliches) Leben neu sortieren musste. Es ging glücklich für ihn aus, aber er hat sehr viel aus dieser Zeit mitgenommen.

Nur wer nicht mehr aufsteht, ist gescheitert

Die Fragen an ihn waren vielschichtig und wurden auch an mich gespielt, um die Agentursicht zu vermitteln. Wie man damit umgehen kann und soll, zum Beispiel. Wie die Kommunikation in so einer Phase aussehen könne. Oder auch, wie es überhaupt dazu kommt, dass so viele halb- bis überhaupt nicht durchdachte Projekte trotzdem abgeschlossen werden, obwohl jedem Beteiligten klar ist, dass das Endergebnis nicht einmal Mittelmaß sein kann.

Allein zur letzten Frage entsponn sich ein reger Austausch, den alle Anwesenden nachvollziehen konnten und teils auch selber kannten. Statt Verantwortung zu übernehmen, Hierarchien zu ignorieren und die Wahrheit zu sagen, dass ein Unterfangen unter bestimmten Voraussetzungen und Nichtwissen keine Chance hat, sichert sich lieber jeder so weit ab, dass bei einem Misserfolg niemand Schuld hat. Scheitern, das bedeutet auch die Courage zu haben diese Verantwortung zu akzeptieren und die Folgen anzunehmen.

Arroganz versus Demut

All das verpackte Jörn Hendrik in seiner so typischen, so charmanten und ehrlichen Art, dass man sich sehr gut vorstellen konnte, warum ihm damals so viele mit Zuspruch überhäuften und gar nicht als gescheitert wahrnehmen wollten, bis er selber davon nichts mehr hören wollte und sagte: „Ich bin gescheitert. Basta! Weiter geht’s!“

Und auch hier folgten die Fragen auf dem Fuße. Wie es dazu kam, das niemand hämisch reagierte. Keiner ihm sagte, man habe doch von Anfang an gewusst, dass es nichts werden könne. Zu meiner Überraschung richtete er diese Frage auch an mich, um meine Wahrnehmung als Außenstehender, der das alles damals mitbekam, einzubeziehen. Also antwortete ich. Natürlich sei er ein Lautsprecher für seine Sache und Überzeugung gewesen und ist es immer noch, sagte ich. Aber bei all den lauten Tönen sei er nie übermütig geworden und habe Demut bewiesen. Sich immer bewusst, dass er nicht der Größte ist, auch wenn er gut sei in und mit seinem Tun. Häme und Spott stellten sich immer dann ein, wenn es daran mangele, waren wir alle uns dann einig.

So empfand ich am Ende des Abends eben genau das. Demut gegenüber der Sache. Das Bewusstsein, dass es noch nicht einmal immer in der eigenen Hand liegt, ob und wie alles weiter geht. Macht man sich diese Prämisse aber klar, dann kann man weitaus besser mit ihr umgehen und Raum zum Lernen zulassen. Denn auch das gehört dazu. Ich probiere mich aus. Ich scheitere. Ich lerne. Das alles. Nur nicht aufgeben.

2 Kommentare

  1. Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. […] Fundstelle: Rückblick auf den #SMCHH zum Thema Scheitern: Ausprobieren. Scheitern. Lernen. […]

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