„Constellations“ in Hamburg: Ein Spiel mit dem „Was wäre, wenn …?“

„Was wäre, wenn …?“ – Eine Frage, die sich jeder schon einmal gestellt hat. Was wäre, wenn ich gesagt hätte, was ich denke, fühle, hoffe, glaube, wünsche? Wenn man andere Entscheidungen getroffen hätte? Man wird es nie erfahren. Wir haben schließlich nur dieses eine Leben. Einzig die Fiktion kann diese Frage aus den Angeln heben – und genau das tut „Constellations„.

Die Inszenierung durch Nick Payne spielt vom 23. bis 30. November 2014 im Hamburger St. Pauli Theater und wird Ende Februar 2015 nochmals für eine Woche auf den Kiez zurückkehren. In der Zwischenzeit wird man am Broadway debüttieren, um dort Jake Gyllenhaal in die Hauptrolle zu stecken. Ich hatte auf Einladung von livekritik.de wie schon bei #SpamalotHH das Vergnügen am Premierenabend dabei sein können.

10802546_1569567976591760_1034823903_n

Vom Springen zwischen den Paralleluniversen

Die Ausgangslage für „Constellations“ ist eine ebenso spannende wie verwirrende. Marianne (Judith Rosmair) und Roland (Johann von Bülow) lernen sich auf einer Party kennen. Sie ist Quantenphysikerin, er Imker. Und wie sie so erzählt, dass es zwischen der Relativitätstheorie und der Quantenphysik zwei komplett widersprüchliche Interpretationen von Zeit und Raum gibt, die durch die String-Theorie miteinander verbunden werden könnten, merkt man, dass es gar nicht die eine Wirklichkeit gibt. Denn das Stück springt von einem Paralleluniversum ins nächste.

Schließlich, so erläutert Marianne, besagt die Quantenphysik, dass es für jede Entscheidung, die wir irgendwann (nicht) getroffen haben, in einem Paralleluniversum eine alternative Version unseres Ichs und unserer Wirklichkeit besteht. So ist alles möglich, nur wissen wir es nicht. Nur im Theater sehen wir, was wirklich passiert.

So fußt das Kennenlernen mal auf gegenseitiger Sympathie, mal auf Abneigung. Mal begleitet Roland Marianne nach Hause, mal soll er doch bitte gehen. Sechs, sieben, acht verschiedene Anläufe braucht es über die Sprünge von Paralleluniversum zu Paralleluniversum, bis die beiden einander finden – oder auch nicht. Wirklich verwirrend sind diese Sprünge nicht, da sie mit einem kleinen Trick aus Licht und Sound immer nachvollziehbar sind.

10449141_1556436077921500_550954611_n

Ein Stück voller fragmentarischer „Was wäre, wenn …?“-Momente

Besonders spannend wird es, wenn die Zeitachse strapaziert wird. Sprünge in eine alternative Zukunft zeigen fragmentarisch, dass die Geschichte noch viel weiter geht – und wie sie enden könnte. Spätestens hier verliert das so heitere Stück seine Unbekümmertheit und entwickelt eine Tiefe und Schwere, die die Frage nach dem Sinn des Lebens aufwirft. Denn kann es in der Theorie noch einen freien Willen geben, wenn in einem Paralleluniversum sowieso egal ist, was wir tun?

Und so saß ich in der letzten Viertelstunde des Stücks mit einem dicken Klos im Hals im Publikum. Denn in den gut 70 Minuten liefern Judith Rosmair und Johann von Bülow eine beeindruckende Leistung ab. Das Springen zwischen den verschiedenen Paralleluniversen und die damit verbundenen emotionalen Sprünge von todtraurig zu fröhlich zu besorgt zu unbekümmert kommen schnell, unerwartet und verlangen ihnen alles ab. Und doch meistern sie das Spiel mit den Fragmenten eines großen „Was wäre, wenn…?“-Puzzles mit einer Leichtigkeit und Sympathie, dass man sich schnell mit ihnen identifizieren und mitfühlen kann. So sehr, dass man selbst unweigerlich zu Grübeln anfängt, als die Unbeschwertheit stückweise in Verzweiflung, Wut und Trauer umschlägt. Denn diese eine Frage, was hätte sein können, stellt sich jeder.

„Constellations“ kommt wieder – im Februar 2015

Jetzt kann man noch bis Sonntagabend Tickets buchen. Wer es so kurzfristig nicht mehr schafft, der kann sich die Woche vom 23. Februar bis 01. März 2015 im Kalender notieren. Um 19 Uhr öffnen jeweils die Pforten, Beginn ist immer um 20 Uhr. Weitere Infos zur Buchung, Preisen und Tickets gibt es auf der Website des St. Pauli Theaters.

Mein Dank gilt – mal wieder – livekritik.de für die tolle Organisation und herzliche Betreuung unserer kleinen Digital-Runde. Es war mir ein Vergnügen.

Wer noch ein paar weitere Eindrücke vom Abend und zum Stück sucht, dem empfehle ich die Review von Patrick, der auch dabei war, sowie die Storify von livekritik.de, die sich aus den Updates unseres TweetUps zum Hashtag #consHH zusammensetzt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: